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Kommunikation: Russland droht Handy-Herstellern

Russland droht HandyHerstellern
(c) Dimitry Asthakov
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Wenn Konzerne wie Apple, Siemens, Nokia oder Motorola nicht das russische Navigationssystem Glonass installieren, will Moskau den Import der Geräte verbieten. Die geplante Novelle würde auch Mobiltelefone betreffen.

Wien (mar).Offiziell bewegt sich die russische Wirtschaft seit zwei Jahrzehnten in Richtung einer klassischen Marktwirtschaft – gravierende Eigenheiten dieses Marktes und seiner Kultur bleiben allerdings bis heute bestehen. Das jüngste Beispiel dafür liefert der russische Kommunikationsmarkt, genauer: Der Mischkonzern AFK Sistema, der gelegentlich auch als „Moskau AG“ bezeichnet wird.

Seit Jahren versucht Sistema erfolglos, sich an westlichen Technologieunternehmen zu beteiligen, zuletzt an der Telekom Austria im Februar dieses Jahres. Auch pocht Sistema seit Jahren auf eine Mitwirkung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel bei dem angestrebten Einstieg beim Halbleiterhersteller Infineon.

Am vergangenen Wochenende unternahm Sistema einen neuen Vorstoß, um den eigenen Einfluss am Markt auszuweiten. Wladimir Jewtuschenkow, Großaktionär und Chef des Mischkonzerns, traf sich mit Ministerpräsident Wladimir Putin und machte diesem einen ungewöhnlichen Vorschlag: Alle ausländischen Hersteller von Handys und Navigationsgeräten, die nicht das russische Navigationssystem Glonass installieren, sollen künftig in Russland ein Einfuhrverbot bekommen. Ein nicht ganz uneigennütziger Vorschlag, kontrolliert doch Sistema das Technologieunternehmen NIS, den Entwickler von Glonass.

Die geplante Novelle würde neben Navigationsgeräten auch besonders leistungsfähige Mobiltelefone (Smartphones) betreffen, also etwa das iPhone von Apple.

 

„Sie werden das überstehen“

Nach Jewtuschenkows Worten seien Firmen wie Nokia, Siemens und Motorola schon verständigt, teilweise liefen bereits Verhandlungen. „Sie verstehen, dass wir den Markt für Geräte ohne Glonass-Chip ohnehin schließen“, zitiert die russische Zeitung „Wedomosti“ den Konzernchef. Was jetzt nur noch fehle, sei eine gesetzliche Grundlage dafür. Putin begrüßte den Vorstoß des Industriellen. Die Importeure würden die Regelung „ganz ruhig überstehen“, so der Regierungschef wörtlich: „Es ist gut, dass unsere Partner (die Importeure, Anm.) verstehen, dass wir unsere nationalen Interessen verteidigen und ein eigenes Produkt am Markt fördern werden. Das Verhältnis zu ihnen muss man ganz korrekt ausbauen.“

Korrekt ausbauen würde in diesem Fall bedeuten: Wenn ein ausländischer Hersteller in Zukunft Glonass parallel zum US-System GPS oder als einziges System nicht installiert, ist der russische Markt für ihn geschlossen. Experten vermuten, dass Russland damit Firmen zur teilweisen Verlagerung der Produktion ins eigene Land zwingen will. Zusätzlich gibt es Befürchtungen, Moskau wolle sein heimisches System zur Überwachung von Oppositionellen einsetzen – erst am Freitag wurden die Befugnisse des Inlandsgeheimdienstes FSB deutlich ausgeweitet.

Die Entwicklung von Glonass startete 1976 in der Sowjetunion, Ziel waren dezidiert zivile wie auch militärische Anwendungen. Während mittlerweile weltweit Autos, Schiffe und Flugzeuge zur Navigation GPS nutzen, wird Glonass von Russland ebenso als notwendige Alternative angesehen wie das Projekt Galileo in Europa oder Compass in China. Allerdings verhindern bisher umfassende Probleme den Start des russischen Systems. Zwar befinden sich russischen Medien zufolge 23 Glonass-Satelliten im All, davon sind 20 funktionsbereit. Doch für eine weltweite Abdeckung seien 24 nötig. Dazu kommt ein weiteres Problem: Russland ist bisher nicht in der Lage, eine Massenproduktion von entsprechenden Mikrochips zu gewährleisten.

Auf einen Blick

Glonass ist eine von Russland seit 1976 vorangetriebene Alternative zum heute weltweit dominierenden US-Navigationssystem GPS. Trotz gravierender technischer Probleme will Moskau ausländische Hersteller zur Benutzung von Glonass zwingen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2010)