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Als wäre nichts gewesen? Zu den Umbauplänen für das Hitler-Geburtshaus

Muss man Geschichte „architektonisch neutralisieren“? Gehören Gedenksteine ins Museum? Warum die Umbaupläne für Hitlers Geburtshaus in Braunau ein fatales Signal sind: Bilanz eines Zeitgeschichtlers.

Als Wolfgang Sobotka noch einfach nur Innenminister war und nicht irrtümlich als „Zeithistoriker der Nation“ galt, bezeichnete er eine Schleifung des Hitler-Geburtshauses in Braunau am Inn als „sauberste Lösung“. Das Innenministerium richtete schließlich eine „Kommission zum historisch korrekten Umgang mit dem Geburtshaus Adolf Hitlers“ ein. So etwas kann nur einem versierten Geschichtslehrer einfallen. Beamten-Innenminister Peschorn schwadronierte schließlich im vergangenen Jahr, als er die Umgestaltung des Gebäudes und den Einzug der Polizei verkündete: „Wir wollen das Haus als Ganzes der Erinnerung entziehen und es so neutralisieren!“ Der Grundsatz „Niemals vergessen!“ solle dabei aber natürlich nicht außer Acht gelassen werden. Außerdem: „Die Polizei ist von sozial nicht weit entfernt.“

Der von der Bundesimmobiliengesellschaft im Auftrag des Innenministeriums ausgeschriebene Architekturwettbewerb formulierte dann knapp: „Durch die äußerliche Umgestaltung des Bestandsgebäudes soll die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus beseitigt (werden).“ Mit keiner Silbe wurde in den Ausschreibungsunterlagen erwähnt, was es mit dem Gebäude auf sich hat. Nur dem beigegebenen Luftbild des Projektgebiets konnten interessierte Architekten durch eine kleine Markierung entnehmen, dass es sich um das „Hitler-Geburtshaus“ handelt.

Und nun Innenminister Karl Nehammer bei der Verkündung des Jury-Entscheids: „Heuer begehen wir den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, aber auch den Beginn einer demokratischen Entwicklung. Die demokratische Kultur eines Landes erkennt man am Umgang mit seiner Geschichte, und Österreich hat lange gebraucht, um sich seiner eigenen Geschichte zu stellen.“ In seiner Zeit als Innenminister stelle sich auch die Polizei ihrer Vergangenheit, „denn nur wer seine Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten“.

Gedenken heiße aber nicht nur, sich an Vergangenes zu erinnern, sondern auch, daraus die Lehren für die Zukunft zu ziehen und entsprechend zu handeln. „Deshalb schlagen wir heute im Umgang mit unserer historischen Verantwortung ein neues Kapitel auf. Mehr als 140 (sic!) Jahre nach der Geburt von Adolf Hitler wird sein Geburtshaus in Braunau zu einer Antithese zu all dem, wofür er stand: ein Ort, an dem Demokratie und Menschenrechte verteidigt werden, ein Ort, der Sicherheit vor Verfolgung bietet und einen Blick nach vorne in Frieden und Freiheit ermöglicht.“ Die Polizei sei ein Garant für Demokratie. „Eine Polizeistation ist die geradezu geeignetste Nutzung, denn die Polizei ist die Hüterin der Freiheitsrechte und die Partnerin der Bürgerinnen und Bürger.“

 

Erinnerungskulturelles Idyll

Ein innenpolitisches und erinnerungskulturelles Idyll zugleich, ganz im Stile der Renderings der siegreichen Vorarlberger Edelarchitekten, auf denen Kinder einen bunten Drachen im ehemaligen Hinterhof des jungen Schicklgruber steigen lassen. Dazu kann einem nur der zynische, aber sehr gelungene vermeintliche Werbespot von Mercedes-Benz aus dem Jahr 2013 einfallen. Da rennt der kleine Adolf mit einem Drachen durch das Bild, bevor er prophylaktisch von der Edelkarosse überfahren wird. Ein Hoch auf den neuen Notbremsassistenten: „Erkennt Gefahren, bevor sie entstehen.“

Währenddessen ist die Welt entsetzt von rassistischer Polizeigewalt in den USA. Ob wohl auch George Floyd der Meinung wäre, dass die Polizei die Partnerin der Bürgerinnen und Bürger ist? Oder Marcus Omofuma, um in Österreich zu bleiben: Ob er, der 1999 bei seiner Abschiebung durch drei Fremdenpolizisten erstickt wurde, die Polizei als „einen Ort, an dem Demokratie und Menschenrechte verteidigt werden, einen Ort, der Sicherheit vor Verfolgung“ wahrgenommen hat? Oder Cheibani Wague, der 2003 bei einer polizeilichen Amtshandlung im Wiener Stadtpark zu Tode kam? Auch auf ihm kniete der Polizist mit seinem ganzen Körpergewicht. Wir können sie leider nicht mehr fragen. Aber die Liste ließe sich fortsetzen: für Österreich wie für die USA und andere Länder.

Vermutlich hat der Innenminister diese Geschichten nur „neutralisiert“. Früher hätte man der Einfachheit halber vom Verdrängen und Vergessen geredet statt von Neutralisierung. Oder vom Schlussstrich. Apropos: Wie steht es eigentlich um die Polizei im NS-Staat? War sie auch ein „Garant für Demokratie“ – und „Freund und Helfer“ aller Bürgerinnen und Bürger? Und wie sieht es mit Kontinuitäten aus, über die Systeme hinweg, hinein in die Zweite Republik?

Aber kommen wir zurück nach Braunau. Das Hitler-Geburtshaus architektonisch neutralisieren und für eine Polizeistation nutzen zu wollen, ist das eine. Das andere ist, einen Gedenkstein zu entfernen, den die Stadt Braunau 1989 – 100 Jahre nach der Geburt des mittlerweile ungeliebten Sohnes der Stadt – auf dem Gehsteig vor dem Haus aufgestellt hat. Mauthausener Granit mit der Aufschrift: „Für Frieden Freiheit und Demokratie / Nie wieder Faschismus / Millionen Tote mahnen“. Der Stein und seine Sprache wirken merkwürdig aus der Zeit gefallen, wenn man die derzeit dominante Erinnerungsrhetorik im Ohr hat. Gleichzeitig ist die Inschrift keinesfalls frei von Neutralisierungstendenzen: Man erfährt nicht, woher der Faschismus kam und wohin er ging, wer die Opfer waren, die beklagt werden, und wer die Täter, die völlig ungenannt bleiben. Und es wird interessanterweise auch nicht erklärt, warum der Stein steht, wo er steht. Dennoch: Der Mahnstein war damals wohl ein engagierter Versuch, der rechten Vereinnahmung des Ortes etwas sichtbar entgegenzustellen. Und wenn er auch Wesentliches verschweigt, so erweist er sich doch als ein Stolperstein im besten Sinne, der den Opfern seine Reverenz erweist. (Gunter Demnig entwickelte sein Konzept der in den Boden eingelassenen „Stolpersteine“ zur Erinnerung an individuelle NS-Opfer erst Anfang der 1990er-Jahre.)

Den Stein heute im Zuge der architektonischen Umgestaltung zu entfernen, entstellt noch einmal zur Deutlichkeit, worum es den Verantwortlichen offenbar geht oder was sie zumindest unbeabsichtigt in Kauf nehmen: eine Löschung von Geschichte. Mit der Geschichte werden aber nicht nur die Täter und ihre Verbrechen, sondern auch die Opfer und ihre Leiden gelöscht. Ist es das, was Innenminister Nehammer meint, wenn er sagt, Gedenken heiße aber nicht nur, „sich an Vergangenes zu erinnern, sondern auch daraus die Lehren für die Zukunft zu ziehen und entsprechend zu handeln“? Ist es das, was im türkis-grünen Regierungsprogramm angekündigt ist als „eine neue, umfassende und auf breiter gesellschaftlicher Basis stehende Gedenkkultur“? Da hilft auch nicht der vermutlich gut gemeinte Vorschlag, den Mahnstein im Haus der Geschichte Österreich in Wien unterzubringen. Oder ist Erinnerungskultur nur noch etwas für das Museum – bekanntermaßen auch ein Ort, der Objekte „neutralisiert“?

Nein, es geht mir hier nicht um ein pauschales Polizei-Bashing. Aber man wird vom Innenminister, der in jeder Hinsicht sensible Materien für diese Republik verwaltet, ein wenig Differenzierungsvermögen und Problemortungskompetenz erwarten dürfen. Sinnvoller, als sich in leerer Gedenkrhetorik zu verrennen und sich dabei ständig zu widersprechen (den Ort und seine Geschichte neutralisieren, aber die Erinnerung bewahren?), wäre es, auf die ja bereits vorhandene Menschenrechtsausbildung für die Polizei zu verweisen und diese auszubauen und zu stärken sowie ein umfangreiches Forschungsprojekt zur österreichischen Polizeigeschichte zu initiieren. Am besten nicht nur zur NS-Zeit, sondern über die verschiedenen Systeme hinweg, bis hinein in die Zweite Republik. Und dabei auch nicht rassistische Polizeigewalt in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich einfach auszublenden, als wäre nichts gewesen.

 

Museen als Orte der „Neutralisierung“

Und, da auch das Haus der Geschichte Österreich in die Debatte hineingezogen wurde, wenn auch bisher nur als Deponie für unbequem gewordene Erinnerungszeichen aus scheinbar längst vergangenen Tagen, während gleichzeitig Qualität und Ausrichtung des Heeresgeschichtlichen Museums diskutiert werden (noch ein Ort der Neutralisierung, wenn auch vielleicht nur der vermeintlichen, für Hitler-Büsten, Nazi-Panzer und – nicht zu vergessen – Habsburger-Uniformen etc.): Es braucht dringend aufeinander abgestimmte Konzepte, Strategien und Perspektiven (einschließlich der notwendigen Mittel) für diese Häuser, die die österreichische Zeitgeschichte museal verwalten. Die derzeitigen Debatten, die vielleicht zufällig in diesen Tagen parallel stattfinden, aber letztlich nicht voneinander zu trennen sind, machen deutlich, wie notwendig das wäre. Zumal ja mittlerweile auch hinlänglich bekannt ist: Die Kenntnisse über die rezente Vergangenheit nehmen kontinuierlich ab, während autoritäre Tendenzen, Antisemitismus und Rassismus im Wachsen begriffen sind.

Militärische Konflikte gibt es ohnehin weiterhin genug. Da stünde es einem Land wie Österreich wohl gut an, die alte Ruhmeshalle der k. u. k. Armee vom „Firmenmuseum des Bundesheeres“ (Wolfgang Muchitsch) zu einem Ort der Friedenspädagogik und Menschenrechtsbildung weiterzuentwickeln, statt dort Mittelaltermärkte und anderes zu dulden. (Man darf freilich bezweifeln, dass dies gelingen kann, wenn – wie angekündigt – eine mögliche neue Leitung für das Haus nur intern im Verteidigungsministerium ausgeschrieben wird.)

In Braunau am Inn braucht es derweil wohl weiterhin ein ernsthaftes Nachdenken darüber, wie man mit dem unbequemen Vermächtnis als Hitlers Geburtsort umgehen will, jenseits von harmloser (oder verharmlosender?) Vorarlberger Vorstadtarchitektur. Sie wird das Problem sicher nicht lösen. Und die Entfernung des Gedenksteins, selbst wenn er uns nicht mehr zeitgemäß erscheint, wird nur ein fatales Signal an die Welt ausschicken, das erneut den Namen der Stadt an den Namen ihres Sohnes bindet. ■