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Quergeschrieben

Das Problem mit der Bezeichnung „typisch Karen“

„Karen“ umschreibt weiße Frauen, die nicht sehen, wie privilegiert sie sind. Längst ist der Begriff zum Schimpfwort geworden, was zu verwirrenden Debatten führt.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Aus den USA schwappt gerade ein neues Schimpfwort nach Europa: „Karen“ ist die Bezeichnung für eine weiße Frau, die sich egoistisch und rassistisch verhält, andere von oben herab behandelt und nicht begreift, wie privilegiert sie ist. Der Begriff ist nicht neu, erhält aber im Kontext der Coronamaßnahmen und der „Black Lives Matter“-Proteste eine veränderte Bedeutung – und neuen Zuspruch. Gleichzeitig sorgt er für enorme Kontroversen, wird sogar selbst als rassistisch bezeichnet. Der Fall zeigt einmal mehr, wie schwer sich unsere Gesellschaft noch immer damit tut, Diskriminierung richtig einzuordnen – und mit den sozialen Medien konstruktiv umzugehen.

Aber von Anfang an: Das Schimpfwort hat zwei unterschiedliche Herkunftsgeschichten. Die schwarze Community in den USA kennt schon länger Bezeichnungen für jene weiße Frauen, die sich herablassend und rassistisch gegenüber Menschen anderer Herkunft verhalten. Lang war es „Becky“, seit einiger Zeit ist es eben Karen, in den USA ein Name, den fast ausschließlich weiße, europäischstämmige Frauen tragen. Ist es diskriminierend, weißen Frauen diese Bezeichnung umzuhängen? Nein, das ist es nicht. Erstens macht es einen Unterschied, ob hier eine benachteiligte gesellschaftliche Gruppe eine privilegierte bezeichnet – wie es hier der Fall ist – oder umgekehrt. Damit eine Bezeichnung diskriminierend ist, braucht es zudem einen historischen Kontext, eine tatsächliche, strukturelle Benachteiligung. Zwar sind Frauen im Vergleich zu Männern oftmals benachteiligt, im diesem Kontext sind sie allerdings die privilegierte Gruppe.

Zweitens bezieht sich „Karen“ nicht auf ethnische Merkmale, die unveränderbar sind, sondern auf Verhaltensweisen, die zu Recht kritisiert werden. „Karens“ sind beispielsweise öfter jene Mütter, die sich weigern, ihre Kinder impfen zu lassen, oder sofort nach dem Manager fragen, wenn sie in einem Restaurant unzufrieden sind. Im Kontext von Corona sind es eher jene Frauen, die sich nicht an die Lockdown-Regeln halten wollen.

In sozialen Medien kursieren Videos von Frauen, die sich wie eine typische „Karen“ verhalten, z. B. keine Maske tragen oder Mitarbeiter beschimpfen.

Anna Goldenberg

Die zweite Herkunftsgeschichte ist problematischer. Sie stammt aus dem Internetforum Reddit, in dem ein junger Mann seinem Ärger über eine Exfreundin namens Karen Luft machte. Durch diese Genese hat das neue Schimpfwort einen misogynen, sexistischen Kontext. Karen, das ist die Frau, die aus der Sicht des Mannes alles falsch machte.

Es offenbart sich hier das grundsätzliche Problem mit unspezifischen Schimpfwörtern und erinnert an die Bezeichnung „alter weißer Mann“. Diese regt vielfach auf, sei sie doch verallgemeinernd und ageistisch. Dabei werden die Bedeutungsebenen durcheinandergebracht: „Alter weißer Mann“ ist zum einen eine Bezeichnung für eine demografische Gruppe, und zwar jene, die in unserer Gesellschaft, statistisch gesehen, nach wie vor an den Schalthebeln der Macht sitzt. Somit ist die Bezeichnung wertneutral. Zum anderen kann sie aber auch abwertend verwendet werden, um ein bestimmtes Verhalten aufzuzeigen, das mit jener Gruppe assoziiert wird: ein herablassender Umgangston etwa, oder das fehlende Bewusstsein, selbst privilegiert zu sein.

Zurück zu „Karen“: In den sozialen Medien kursieren nun Videos von Frauen, die sich wie eine typische „Karen“ verhalten, keine Maske tragen oder Mitarbeiter beschimpfen. Ein solches Anprangern, oftmals aus dem Kontext gerissen, ist natürlich nicht in Ordnung. Die Kritik daran ist absolut berechtigt, muss aber von Kritik an dem Konzept der Bezeichnung „Karen“ getrennt werden – etwas, was in der öffentlichen Debatte kaum geschieht.

In einer idealen Welt hätten wir wohl überhaupt keine Schimpfwörter und brauchten keine Bezeichnungen für unterschiedlich mächtige demografische Gruppen. Und selbst wenn wir Bezeichnungen hätten, wären sie so präzise, dass sich nur die richtigen Menschen davon angesprochen fühlten – und natürlich schleunigst ihr Verhalten änderten.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2020)