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Eine rote Schmiede für „Journalisten“

Um 6,4 Mio. Euro leistet sich Wien eine Medien-schule. Ob das demokratiepolitisch sauber ist, interessiert ebenso wenig wie, ob es Jobs gibt.

Hört man manchmal sozialdemokratischen Politikern zu, glaubt man Exemplare einer vom Aussterben bedrohten Gattung vor sich zu haben. Es ist aber nicht etwa die Angst vor dem Wähler, sondern die machtpolitische Verlustangst. Dass die Partei Banken, eine Zeitung, Industrie und Handelsunternehmen aus ihrem direkten Einflussbereich verloren hat, sitzt bei vielen Politikern und Funktionären auch nach Jahren tief. Über diesen Schock helfen auch ein paar Millionen Euro nicht hinweg, die man an zwei bis drei Boulevardmedien zwecks Bewerbung der eigenen Erfolge vergibt. Immer wieder wälzen sie daher Pläne, die alte Machtfülle wiederherzustellen. Letzter Brückenkopf für eine Rückholaktion von Macht und Einfluss ist das Bundesland Wien, wo der Verlust in den vergangenen Jahrzehnten harmloser ausfiel.

Anders kann man den Plan, eine „Publizistik“-Akademie der Wien Holding der Stadt zu gründen, nicht deuten: Der unverfrorene Versuch, Journalisten im Dunstkreis einer Partei auszubilden, ist nicht nur demokratiepolitisch grotesk bis übel, sondern eine Gemeinheit gegenüber künftigen Studenten einer solchen Ausbildungsstätte. Es gibt bereits heute im Großraum Wien viele zu wenige Jobs im Journalismus oder in nahen Bereichen, um den Absolventen der bestehenden Ausbildungsstätten (Fachhochschulen und Uni) eine Zukunft bieten zu können.

Nun weitere Studenten an einer neuen roten Journalistenschmiede aufzunehmen – mit öffentlichen Mitteln – ist mehr als zynisch. (Bericht: Seite 20)


rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2010)