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Die alte DDR, 20 Jahre später

Vieles ist im ehemaligen Ostblock geschehen. Doch Fragen bleiben.

Vor 20 Jahren wurde aus BRD und DDR das wiedervereinigte Deutschland. Eine Reise durch die vom realen Sozialismus befreiten Lande machte damals seine „Ergebnisse“ augenfällig. Elende Straßen, baufällige Autobahnen, graue Platten – Wohnblöcke, in den Dörfern dunkelgraue Häuschen, wenige Geschäfte, keine Raststätten, verfallende Altstädte und Kirchen (nur Weimar war herausgeputzt), die Straßen gesäumt von den grellfarbenen oder rostigen Versorgungsrohren, riesige Landwirtschaften ohne Bauern und überall noch Reste von „Volks-“ und Roter Armee.

Damals fiel das Versprechen von Bundeskanzler Helmut Kohl, dass „blühende Landschaften“ wieder erstünden. Eine Reise diesen Sommer brachte ein völlig neues Bild, gefolgt von Bewunderung für die Aufbauleistung. Von Polizei, Armee, Sowjets keine Spur. In die Dörfer ist die Buntheit eingezogen, die Plattenbauten neu ver- und herausgeputzt, viele Kirchen renoviert oder eingerüstet, liebevoll restaurierte Altstädte, das Straßennetz sucht seinesgleichen, der kräftige Handel zeigt sich in der Vielfalt der Geschäfte, im Verkehr, in den vielen neuen Hotels.

Einige Schlaglichter: Dresden, das sächsische Elb-Florenz in neuem Glanz, die Frauenkirche wiederaufgebaut, die barocke Pracht schon wieder erstanden oder in Arbeit, Touristenschwärme. Magdeburg mit dem ältesten gotischen Dom– eine völlig neue Innenstadt mit breiten DDR-Chausseen als Hauptstraßen, ohne Autos, nur für Tram und Radfahrer. Quedlinburg: welch ein Kontrast. Unzerstört von Kriegen und Kommunismus. Auf den 80 Hektar der Altstadt 1200 Fachwerkhäuser, davon bereits die Hälfte restauriert. Der mondäne Kurort Binz und das verträumte Lohme auf Rügen, wiederhergestellt als Bade- und Kurorte wie in ihrer Wilhelminischen Glanzzeit. Schloss Ranzow bei Lohme: einst Aufklärungszentrale der sowjetischen baltischen Flotte, jetzt renoviert als Hochzeits- und Golfhotel.

Im Dreiländereck an der Neiße das prachtvolle Görlitz: Deutschland, Polen, Tschechien – freies Leben ohne Grenzkontrollen im Vereinten Europa. Der große Bundeskanzler Kohl hatte doch recht: Die blühenden Landschaften sind wieder erstanden. Blühen auch die Menschen auf? Die Jungen wandern ab. Ein ländlicher Raum, von Bauern gestaltet, fehlt. Beides schmerzt. Die Kirchen leer, wo sich früher eine Kirchengemeinde von 20.000 Seelen um einen Dom scharte, wie in Magdeburg, heute gerade noch 825 Mitglieder. Karl Rahner sprach vor 50 Jahren prophetisch von heidnischen Ländern mit christlicher Kultur und christlichen Restbeständen. Wie kann die vom Kommunismus zerstörte Bürgergesellschaft neu erstehen und ein tragendes Wertefundament liefern? Diese Frage ist noch nicht beantwortet.

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2010)