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Netflix-Film

Ein Roadmovie mutiert zum Psychohorror

Garderobe und Beruf der weiblichen Hauptfigur (Jessie Buckley) wechseln mit jeder Kameraeinstellung – dennoch kann sie ihrem Ich nicht entfliehen.
Garderobe und Beruf der weiblichen Hauptfigur (Jessie Buckley) wechseln mit jeder Kameraeinstellung – dennoch kann sie ihrem Ich nicht entfliehen.Mary Cybulski/NETFLIX
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„I'm Thinking of Ending Things“ ist das bisher schwierigste, zugleich poetischste Werk des US-amerikanischen Kino-Exzentrikers Charlie Kaufman: Auf Netflix erlebt das Meisterwerk nun seine Premiere.

Egal, wie wahnwitzig es in den Vorstellungswelten von Charlie Kaufman zugehen konnte, in der Regel baute der US-amerikanische Drehbuchautor eine Schwelle oder Maschine in seine surrealen Komödien ein, oder stattete seine Protagonisten mit einer psychologischen Störung aus, damit das Publikum nicht völlig verwirrt und ratlos war. In „Being John Malkovich“ führte ein Portal hinter einem Aktenschrank in das Bewusstsein eines Schauspielers. In „Vergiss mein nicht!“ sorgte ein Helm, der einer Salatschüssel glich, für die Auslöschung schmerzlicher Erinnerungen an verflossene Liebhaber und Partner. Und in „Anomalisa“ litt der Held unter einer Wahrnehmungsstörung, die als Prosopagnosie, also Gesichtsblindheit, bekannt ist.

Freilich bargen diese Sicherheitsanker stets das Risiko, die Komplexität der philosophischen Probleme, die seine Filme behandelten, zu übersehen. Genauso wie der absurde Humor die tiefernste Auseinandersetzung des kulturkritischen Existenzialisten mit Liebe, Alter, Tod und Einsamkeit verdecken konnte. Deshalb funktionierten seine Filme über einen längeren Zeitraum wohl auch für ein Massenpublikum. Sie waren exzentrisch und rätselhaft, aber anders als sein aktuelles Werk, die Netflix-Produktion „I'm Thinking of Ending Things“, nie avantgardistisch und mysteriös.

Kryptische Tristesse

Kaufmans dritte Regiearbeit, die auf einem Roman von Iain Reid basiert, markiert fraglos einen Wendepunkt in seinem Schaffen. Es ist sein am schwersten zugänglicher, aber bisher poetischster Film. Verwirrung und Ratlosigkeit werden gesucht statt abgemildert. Er gehorcht der Logik eines geheimnisvollen Traums, in dem sich alles im fließenden oder abrupten Wechsel befindet, und sich Motive und Bilder assoziativ verketten. Der Humor ist nicht mehr kompensatorisch, sondern manisch oder staubtrocken. Die Stimmung schwankt zwischen einer deprimierenden Tristesse, wie man sie aus Filmen von Ingmar Bergman kennt, und einer kryptischen Undurchdringlichkeit, die ans Kino von David Lynch denken lässt.

Die Handlung ist schnell erzählt: Jake (Jesse Plemons) will seiner neuen Freundin (Jessie Buckley) zeigen, wo er aufgewachsen ist. Nach dem Roadtrip zu dem rustikal eingerichteten Haus seiner Eltern in der Peripherie verbringt das junge Pärchen den halben Tag dort. Am Abend fahren sie während eines Schneesturms wieder zurück. In kurzen Einschüben wird der Hausmeister der örtlichen High School bei der Arbeit gezeigt. Ein gespenstischer Hüter der Erinnerungen aus Jakes mutmaßlich traumatischer Pubertät. Einer, der (wie alle Schulhausmeister) viel gesehen hat, aber selten bemerkt worden ist.
Die Passagen in der Fahrkabine sind pures Dialogkino. Gedichte werden rezitiert, Anekdoten ausgetauscht, über Filme, Musik und Literatur schwadroniert und gegen den aktuellen Zeitgeist gewettert. Würde man nicht wiederholt die innere Stimme der Frau hören, die über eine baldige Trennung von Jake nachgrübelt, könnte man sich fast in einem romantischen Dialogdrama von Richard Linklater verirrt glauben. Aber romantisch ist hier kaum etwas. Die beiden bemühen sich um Rücksichtnahme und Einfühlung, aber dass sie kulturelle Artefakte und die großen Fragen des Lebens aufgrund ihrer Geschlechterzugehörigkeit unterschiedlich bewerten, sorgt konstant für latente Spannungen. Im Haus der Eltern wirkt es dann so, als wolle Jake seiner Freundin durch eisiges Schweigen und stechende Blicke unter die Nase reiben, aus was für unwürdigen Verhältnissen er sich herausgearbeitet hat. Spätestens jetzt ist das gesprächige Roadmovie zum subtilen Psychohorrorfilm mutiert.

Wer träumt überhaupt diesen Traum?

Obwohl die weibliche Hauptfigur mit den zuvor immer männlich gewesenen Protagonisten früherer Kaufman-Filme das Schicksal teilt, ihrem Ich nicht entfliehen zu können, hört sie nämlich auf mehrere Namen (Cindy, Lucy, Louisa), und von einer Kameraeinstellung zur nächsten wechselt ihre Garderobe und ihr Beschäftigungsfeld (Quantenphysik, Malerei, Dichtung, Gerontologie, Filmkritik). Ähnlich wie in früheren Filmen, wenn Figuren durch ihren Umzug in andere Körper oder per maschinell erzeugten Amnesien die Unwandelbarkeit ihres introvertierten Charakters nicht beseitigt, sondern nur bestätigt sehen, bleibt auch sie im Kern dieselbe. Zugleich gibt es keinen plumpen Plot-Twist, der die Geschehnisse auf eine kosmische Überschneidung unterschiedlicher Parallelwelten oder ihre zwischenzeitlichen Zukunftsvisionen auf eine Persönlichkeitsstörung zurückführt. Und wer träumt überhaupt diesen Traum? – Sie, ihr Freund, der Hausmeister, Kaufman, wir – oder alle zusammen? Nach dem Ende des Films ist man irritiert und ratlos, aber unendlich dankbar dafür.