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Als Kohl den Wetterdienst zu rate zog

Die kuriose Entstehung von Deutschlands Nationalfeiertag.

Der 9. November 1989 – ein Abend, eine Nacht, die keiner je vergessen wird, der im Fernsehen miterleben durfte, was sich in Berlin abspielte. Der langjährige „Presse“-Korrespondent Ewald König hatte – als einziger österreichischer Journalist – bei der berühmten, völlig verunglückten Pressekonferenz des Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski seinen Ohren nicht getraut und war zum einzigen Telefon gestürzt, um Wien zu informieren. All dies, die atemlose Anspannung dieser Nacht in Ost und West, nicht nur in unserer Redaktion, all das hat sich unauslöschlich in unsere Erinnerung eingegraben. Der Historiker Rolf Steininger hat zum 30. Jahrestag ein „Lesebuch“ geschaffen, das vom verbrecherischen Mauerbau des Walter Ulbricht 1961 bis zum Tag der Wiedervereinigung (3. Oktober 1990) führt.

Aber warum wurde ausgerechnet der 3. Oktober „Tag der Deutschen Einheit“? Warum nicht der wesentlich wichtigere 9. November? Helmut Kohl, der kraftvolle Gestalter pragmatischer Politik in diesem so knappen Zeitfenster, erzählte seine Version, die Rolf Steininger unüberhörbar gefällt: „Ich hatte eine etwas irrationale eigene Idee. Ich habe immer die Franzosen für ihren Nationalfeiertag bewundert – zur schönsten Zeit, am 14. Juli. Ganze Generationen von Schülern verbinden bis zum heutigen Tag in ihrem Denken mit dem 14. Juli Feiertag und Ferien . . . Und ich befürchtete, wir kommen in den November. Ich fand die düsteren Novembertage scheußlich. Ich hoffte, dass die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen bis Oktober abgeschlossen sein würden.

Denn mir schwebte ein Nationalfeiertag Anfang Oktober vor . . . Es können traumhafte Tage im Oktober sein. Also ließ ich unter einem Vorwand – und natürlich nicht unter meinem eigenen Namen – ein Gutachten des Deutschen Wetterdienstes anfertigen, wie sich das Wetter Anfang Oktober in den vergangenen Jahrzehnten dargestellt hatte. Dabei hat sich herausgestellt, dass die erste Hälfte im Oktober fast immer zu den besten Zeiten im Jahr gehört . . . Und so haben wir den 3. Oktober bekommen – ein Glücksfall.“ So Helmut Kohl. Und der wird es ja wohl gewusst haben.

Der verlachte, biedere Pfälzer

Es ist eine kleine, sehr bezeichnende Episode im deutschen Einigungsprozess, den der vordem oft so verlachte, biedere, dicke Pfälzer wie ein Bulldozer vorantrieb. Gegen den erbitterten – und verletzenden – Widerstand der Britin Margaret Thatcher. Aber US-Präsident George Bush war ganz auf seiner Seite. Da hatte Michail Gorbatschow im Kreml längst resigniert. Am 6. Dezember 1989 sandte der britische Botschafter eine erstaunlich weitsichtige Analyse nach London: „Kohl spielt das Spiel seines Lebens, mit hohem Risiko. Wenn er es richtig spielt, wird er die Bundestagswahl im nächsten Jahr gewinnen, und dann kann er als Kanzler der Einheit in die Geschichte eingehen. Aber nur ein falscher Tritt, und er kann alles verlieren. Kohl weiß das.“

Rolf Steininger lässt uns nochmals jenes Hasardspiel miterleben, das Kohl mit den Sowjets riskieren musste, um die russische Besatzungsarmee aus Ostdeutschland hinauszubugsieren – mit sehr vielen D-Mark-Milliarden; und wie er es dann auch noch schaffte, das vereinte Deutschland im Nato-Bündnis zu positionieren. Eine totale Selbstaufgabe Gorbatschows, die Wladimir Putin bis heute als Schande und bittere Schmach empfindet.

Zum Buch:

Rolf Steininger
Von der Teilung zur Einheit
Deutschland 1945 - 1990
Studienverlag
516 Seiten, € 34,90