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„Wir haben die digitalen Werkzeuge, um der Koopetition zum Durchbruch zu verhelfen“

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Miteinander statt gegeneinander heißt das Motto beim marktwirtschaftlichen Konzept der Koopetition. Warum eine dezentral betriebene digitale Infrastruktur – das Grundprinzip der Blockchain-Technologie – das Fundament eines solchen kooperativen Ökosystems zum Vorteil aller beteiligten Unternehmen sein kann, erklärt im Interview Thomas Müller, Mitbegründer des Evan.network.

Unternehmen wird seit Jahren eingetrichtert, Digitalisierung schafft Vorsprung zur Konkurrenz. Jetzt soll die Digitalisierung plötzlich der „Koopetition“ den Weg ebnen, bei der Wettbewerber kooperieren und auch zu Partnern werden. Ein Widerspruch?
Thomas Müller: Das klingt nur auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Dass Wettbewerber zusammenarbeiten sollen, um die für alle Beteiligten besten Ergebnisse zu erzielen, stellt natürlich die kompetitive Logik unternehmerischen Handelns zunächst infrage. Fakt ist zugleich: Die kooperative Spieltheorie liefert schon seit Langem das theoretische Fundament dafür, dass die richtige Kooperation Wachstumschancen für alle bietet. Die Entwicklung der Digitalisierung liefert nun auch die entsprechenden Werkzeuge, um dem einstigen Hype-Terminus Koopetition nachhaltig zum Durchbruch zu verhelfen.
 
Wo liegt denn das Problem im herkömmlichen digitalen Wettbewerb?
Unternehmen bemerken zunehmend, dass sie mit ihren digitalen Geschäftsmodellen an Grenzen stoßen, wenn sie in komplexen Produktions- und Lieferketten effizient sein und Kundenbedürfnisse effektiv befriedigen wollen. Voneinander abgeschottete digitale Insellösungen verhindern nämlich eine durchgehende Digitalisierung. Diese Lücke wurde in den letzten Jahren von Anbietern digitaler Plattformen gefüllt, die in der Lage sind, Services mehrerer Anbieter zu kombinieren und den Kunden aus einer Hand anzubieten. Das ist gut für die Kunden, muss aber nicht unbedingt im langfristigen Sinne der Unternehmen sein. Wenn im B2B-Geschäft Unternehmen die Services zentraler Plattformen in Anspruch nehmen, weil sie ihre einsatzbereiten Komplettpakete nicht im Alleingang anbieten können und die Masse an potenziellen Kunden über die Plattform nutzen möchten, birgt das nämlich auch große Risiken. Denn mit der Inanspruchnahme zentraler Plattformanbieter entsteht eine Informationsasymmetrie. Der Verlust über die Hoheit der Daten wird für die einzelnen Unternehmen zum Problem. Monopolistische Plattformen tendieren dazu, aggregierte und aufbereitete Daten für ihre eigenen Geschäftszwecke zu nutzen. Schließlich stehen den Betreibern der Plattformen mit jeder getätigten Transaktion mehr Daten zur Verfügung, die analysiert und zum Aufbau eigener Angebote in besonders lukrativen Märkten genutzt werden können. Somit begeben sich Unternehmen, die zentrale Plattformen nutzen, in die Gefahr, durch diese verdrängt zu werden. 
 
Wie kann dieses Risiko bei einer unternehmensübergreifenden Digitalisierung unterbunden werden?
Im Fokus muss wie gesagt stehen, dass bei der Digitalisierung Unternehmen die Datenhoheit behalten und die Teilnehmer eines Systems einen gleichberechtigten Zugang zu den Daten haben. Als Fundament einer solchen Zusammenarbeit eignen sich kooperative Ökosysteme auf Basis einer dezentral betriebenen Infrastruktur. In dieser können Daten jeder Art digitalisiert und zwischen den beteiligten Partnern ausgetauscht werden. Jedes Unternehmen bestimmt selbst, welche Informationen zu welchem Zeitpunkt mit welchem Geschäftspartner geteilt oder welche Güter und Services innerhalb der Kooperation eine Freigabe erhalten. Das dazu notwendige Vertrauen, insbesondere in die Unveränderbarkeit der Transaktionsdaten sowie die Authentizität der beteiligten Geschäftspartner, wird mittels kryptografischer Verfahren, wie z. B. der Blockchain-Technologie, hergestellt.
 
Wo liegen für die am System teilnehmenden Unternehmen die konkreten Vorteile des dezentralen Ansatzes?
Die operativen Vorteile von dezentralen Infrastrukturen sind u. a. eine hohe Manipulationssicherheit, eine lückenlose Dokumentation und effizientere Prozesse. Dazu kommt die konzeptionelle Überlegenheit. Denn während bei einer zentralen Instanz Macht, Kontrolle und Vertrauen weitestgehend gebündelt sind, verteilen sich im dezentralen Konzept die Verantwortlichkeiten in der Gemeinschaft. Daraus erwachsen das Potenzial und die Bereitschaft, mit Wettbewerbern zu kooperieren, um Ressourcen und Leistungen zwischen den Teilnehmern zu vernetzen und wechselseitig nutzbar zu machen. Eine dezentrale Infrastruktur, auf der ein selbstbestimmter, direkter Informationsaustausch und die Freigabe von Daten unter Einhaltung gemeinsam entwickelter Standards zwischen Unternehmen stattfindet, garantiert also die Hoheit über die eigenen Unternehmensdaten und Geschäftsprozesse. Marktbeherrschende Strukturen und Monopolbildung werden vermieden und die Kundenkommunikation bleibt beim Anbieter.
 
Wenn Unternehmen in solch einem digitalen Ökosystem trotz Wettbewerb kooperieren wollen, müssen sie sich wohl an gewisse Spielregeln halten.
Natürlich. Ich sehe drei Grundprinzipien für eine erfolgreiche Koopetition: Offenheit, Neutralität und Nachhaltigkeit. Offenheit bedeutet insbesondere einen freien Zugang für alle qualifizierten Teilnehmer. Das kooperative Ökosystem kann durchaus Bedingungen definieren, die für alle Teilnehmer gelten, unbedingt auch für die Initiatoren des Ökosystems. Die Definition der Kriterien erfolgt durch die Teilnehmer. Ferner bedeutet Offenheit die komplette Transparenz der Organisationsstrukturen, Regularien und Entscheidungswege.
Neutralität steht für die Vermeidung der Dominanz von Einzelinteressen und von Monopolbildung. An der Organisation des Ökosystems haben alle Mitglieder den gleichen Anteil sowie die gleichen Rechte und Pflichten. Dazu sind demokratische Grundstrukturen erforderlich, die von allen Teilnehmern anerkannt und gelebt werden müssen. Nicht alle Teilnehmer müssen dabei jedoch immer in gleicher Weise an der Entscheidungsfindung beteiligt sein. Wichtig ist lediglich, dass Macht, Funktionen und Ressourcen zwischen den Teilnehmern aufgeteilt sind und klare Regelungen zur Partizipation und Entscheidungsfindung bestehen.
Nachhaltig wird ein kooperatives Ökosystem, wenn es so konstruiert ist, dass es flexibel auf Marktveränderungen sowie Veränderungen der Teilnehmerzahl reagieren kann und gleichzeitig bezüglich der Kernmaximen eine hohe Stabilität aufweist. Erforderlich ist zudem eine hohe Integrität der Teilnehmer, die für eine Dauerhaftigkeit der Vereinbarung bürgt. Um eine solche hierarchiefreie Kooperationsform mit den beschriebenen Grundprinzipien zu realisieren, bedarf es einer leistungsfähigen, unabhängigen Infrastruktur – das Grundprinzip der Blockchain-Technologie.