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Ausdemonstriert?

Wer denkt heute noch an Atomprotest?

(c) Marin Goleminov
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Die Anti-Atom-Bewegung in Österreich stirbt aus. Sagt wer? Die Alten. Haben sie recht? Porträt einer der erfolgreichsten sozialen Bewegungen Österreichs.

Von Eva Rottensteiner

Es ist ein Plakat, das Heinz Stockinger im März 1977 am Eingang des damaligen Salzburger Stadtkinos unweit des Hauses der Natur ins Auge sticht, während er über den gepflasterten Anton-Neumayr-Platz spaziert. Was genau darauf stand, daran kann er sich heute nicht mehr erinnern. Doch es hat ihn dazu bewegt, ins niederösterreichische Zwentendorf mitzufahren und sich dort den Protesten gegen das AKW anzuschließen. Dass er die Proteste von da an mitorganisieren würde und bis heute aktiv für eine atomkraftfreie Zukunft kämpft, hätte sich der mittlerweile pensionierte Französisch- und Frankreichkunde-Hochschullehrer wohl nicht gedacht.

Damals lag es im Geist der Zeit, sich politisch zu engagieren. Heute ist Stockinger Obmann und Sprecher der Salzburger „Plattform gegen Atomgefahren – Für neue Energien", kurz Plage, einer Organisation gegen Atomkraft, die sich schon seit dem Widerstand im bayerischen Wackersdorf engagiert. Bei dem Protest gegen den Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage haben sich hauptsächlich österreichische Anti-Atom-Gegner engagiert.  

Politischer Konsens ist das Erbe von Zwentendorf

Die Plage steht für eine Reihe von Organisationen, die sich dem Kampf gegen Atomkraft verschworen hat. Es sind die Anti-Atom-Aktivisten der ersten Stunde, die in Zwentendorf auf die Barrikaden gegangen sind und denen Tschernobyl, also die Explosion eines Reaktorblocks und die damit verbundene Freisetzung radioaktiven Materials in der heutigen Ukraine, noch tief in den Knochen sitzt. Auf die Barrikaden gehen diese Gruppen inzwischen kaum noch. Sie machen Bildungsarbeit, halten Vorträge, organisieren Petitionen und lobbyieren bei regionalen und überregionalen Politikern. Seit Zwentendorf ist es zum gesellschaftlichen und politischen Mainstream geworden, gegen Atomkraft zu sein. Konsens darüber, dass Österreich keine Atomkraftwerke haben soll, ist wohl das Höchste, was die Protestbewegung erreichen konnte.

Heinz Stockinger und eine weitere Aktivistin in Hungerstreik im September 1988 vor der Wiener Hofburg. Grund ist die Jahrestagung der IAEO zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl.
Heinz Stockinger und eine weitere Aktivistin in Hungerstreik im September 1988 vor der Wiener Hofburg. Grund ist die Jahrestagung der IAEO zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl.(c) Kirchenzeitung Salzburg

Und sie ist noch aktiv. Ihr Widerstand hat sich institutionalisiert. Die meisten Anti-Atom-Aktivisten können sich sogar bezahlt engagieren. „Österreich ist das einzige Land ohne Atomkraft, in dem sich ein solcher Widerstand am Leben erhalten hat. Das ist in Portugal nicht der Fall, in Griechenland nicht, auch in Italien nicht“, sagt Stockinger. Das liegt auch an den ständigen Störfällen in den Nachbarländern, die wie tickende Zeitbomben bedrohlich auf das Sicherheitsgefühl drücken. Von einer Bewegung will er trotzdem nicht mehr sprechen. Seine Mitstreiter des Österreichischen Netzwerks Atomkraftfrei (ÖNA) altern. Junge Menschen lassen sich nur fallweise mobilisieren.

Das könnte mehrere Gründe haben: Zum einen sei die Plage eher eine „Stubenpartie“ geworden und Demos seien einfach erfrischender für junge Menschen. Weil Atomkraft innerhalb der Grenzen ohnehin nicht mehr zur Debatte stehe, würden viele die Dringlichkeit des Themas nicht sehen. Dazu kommt laut Stockinger auch ein Grünwaschen der Atomkraft bei der heutigen technikaffinen Jugend. Außerdem seien wohl die sozialen Anliegen zahlreicher geworden.

Manchmal sind andere Themen brennender

Joschka Brangs ist einer der Aktivisten, die fallweise Aktionen gegen Atomkraft organisieren. Seit seinem Umweltkulturpraktikum engagiert er sich bei der Umwelt-NGO Global 2000, auch gegen Atomkraft. Deshalb hat er auch 2019 mit anderen Aktivisten das Büro von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) geflutet. Nicht mit Wasser, sondern mit Postkarten, mit der Aufforderung, gegen das slowakische AKW Mochovce 3 vorzugehen, das nur 150 Kilometer von Wien entfernt in Betrieb gehen sollte. Außerdem hat er gemeinsam mit anderen Aktivisten die slowakische Botschaft in Wien blockiert. Ausgestattet mit Gasmasken und Schutzanzügen haben sie sich in einer Betonröhre verhakt und so den Eingang versperrt. Ziel war ein Gespräch mit dem Botschafter, was ihnen schließlich auch gelang. Über Mochovce wird heute noch verhandelt, in Betrieb gehen wird es aber wohl nicht mehr.

: Joschka Brangs mit anderen Global 2000-Aktivisten vor der slowakischen Botschaft gegen das Kraftwerk in Mochovze.
: Joschka Brangs mit anderen Global 2000-Aktivisten vor der slowakischen Botschaft gegen das Kraftwerk in Mochovze.(c) GLOBAL 2000_Christopher Glanzl

Und nein, Brangs ist kein alter Zwentendorfer. Als Teil der Anti-Atom-Bewegung zählt er sich trotzdem, auch wenn sich nicht jede seiner Aktionen um die Atomenergie dreht. Mochovce ist ein Beispiel für eine phasenweise Mobilisierung gegen Atomkraft. Nach den Aktionen ist es wieder ruhiger um die Atomkraft geworden. Brangs findet das nicht problematisch. „Manchmal sind einige Themen brennender als andere“, sagt er. Kampagnenorientierte Mobilisierung funktioniere zuverlässig, gerade weil es hierzulande einen Konsens über Atomkraft gebe. Außerdem unterscheiden die Umweltaktivisten, die sich Global 2000 in den vergangenen Jahren angeschlossen haben, nicht so stark, für welches Thema sie kämpfen: Antiplastik, Klima, Umweltschutz, Anti-Atom – das alles ist auf ihrer Agenda. Wichtig ist ihnen, die soziale Frage mitzudenken und den Klimakampf intersektional anzugehen.

Generationenübergreifendes Lernen

Brangs würde sich wünschen, dass Alt und Jung mehr zusammenarbeiten. Im Haus funktioniere das mit der Stelle für Atomkraft schon ganz gut, meint er. Unter den Aktivisten laufe es aber doch noch mehr auseinander. „Wir müssen nicht dauernd das Rad neu erfinden. Gerade von den älteren Anti-Atom-Aktivisten könnten wir lernen, wie man 40 Jahre Widerstand aufrechterhält“, sagt Brangs. Johanna Nekowitsch sieht das genauso. Die pensionierte Lehrerin ist eine der Frauen hinter der Wiener Plattform Atomkraftfrei, die nur aus weiblichen Mitgliedern besteht.

2008 hat sie gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen und Greenpeace den Eingang der Erste-Bank-Zentrale am Wiener Graben zugemauert. Letztlich hat sich die Erste Bank dann aus der Mitfinanzierung zweier neuer Reaktoren in Mochovce zurückgezogen. Auch Nekowitsch ist überzeugt, dass die Generationen voneinander lernen können. Gerade was die Technik und den Online-Aktivismus angehe, könnte ein Austausch mit den jüngeren Aktivisten nicht schaden. Ein Solidarisieren mit anderen Bewegungen ist Nekowitsch sehr wichtig. Am jährlichen Gedenktag des Atombombenabwurfs auf die japanische Stadt Hiroshima im Zuge des Zweiten Weltkrieges, dem 6. August, haben sie einen Stand bei der Gedenkfeier der Friedensbewegung im ersten Wiener Gemeindebezirk. Und auch bei den „Fridays for Future“-Protesten, die sich für den Klimaschutz einsetzen, sind sie mit dabei. Die Plattform ist gut vernetzt.

Nekowitsch bemängelt, dass der Plattform der Nachwuchs fehlt. „Es ist verständlich, dass die Jungen nicht mit uns am Sitzungstisch sitzen wollen. Wir wollen herausfinden, was sie brauchen würden, um sich uns anzuschließen“, erzählt sie. Ihr bereitet es Sorgen, dass sich gerade junge Männer laut einer Umfrage der oberösterreichischen Organisation Atom-Stop im Zeitraum März 2020 nicht gut über Atomkraft informiert fühlen und Atomkraft auch nicht abgeneigt sind. An der Studie haben 892 Menschen zwischen 16 und 70 Jahren teilgenommen.

Die Frauen der Wiener Plattform Atomkraftfrei boykottieren gemeinsam mit Global 2000-Aktivisten eine Erste Bank Filiale in Wien.
Die Frauen der Wiener Plattform Atomkraftfrei boykottieren gemeinsam mit Global 2000-Aktivisten eine Erste Bank Filiale in Wien.(c) Wiener Plattform Atomkraftfrei

Atomkraft werde heute von der Atomlobby als CO2-neutrale und klimafreundliche Energiegewinnung verkauft. Es brauche mehr Berichterstattung und mehr Bildungsarbeit über aktuelle Themen wie die Endlagerdebatte. Diese Themen beträfen schließlich auch die Zukunft der jungen Generation. Die Plattform möchte deshalb ihre Bildungsarbeit ausbauen, um mehr für aktuelle Anti-Atom-Kämpfe zu sensibilisieren.

Anti-Atom-Kampf muss global gedacht werden

Auch Manfred Doppler sorgt sich um die nachkommenden Generationen: „Wer gibt einem das Recht, ein Loch zu graben und dort Atommüll zu lagern? Wir wissen ja nicht einmal, ob es Länder wie Österreich oder Tschechien in 300 Jahren überhaupt noch in der Form geben wird. Wer übernimmt dann die Kosten und die Verantwortung dafür?“ Als Leiter des oberösterreichischen Anti-Atom-Komitees übernimmt er viel Bildungsarbeit an den Schulen.

Manfred Doppler hat die spontanen Blockaden an der tschechischen Grenze in Wullowitz dokumentiert, die sich gegen das Kraftwerk Temelín richteten.
Manfred Doppler hat die spontanen Blockaden an der tschechischen Grenze in Wullowitz dokumentiert, die sich gegen das Kraftwerk Temelín richteten.(c) Manfred Doppler

Ende der 1990er-Jahre hat Doppler zusammen mit oberösterreichischen Bauern auf Traktoren die tschechischen Grenzen blockiert. Grund für diese spontane Offensive war das Kernkraftwerk Temelín, das größte in Tschechien, welches immer wieder mit Störfällen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Anders als bei Protesten üblich, haben die Landespolitiker und sogar die Polizei damals die Grenzblockaden zugelassen. „Das zeigt, wie stark der österreichische Konsens gegen Atomkraft ist“, findet er.

Auch wenn die Zeiten der Grenzblockaden vorbei sind, der Kampf gegen Atomkraft ist es noch lang nicht. Die Atomlobby sei noch immer stark, und gerade auf EU-Ebene gebe es mit dem Euratom-Vertrag, der Atomkraft und deren Finanzierung in Europa verankert, noch viel zu tun. Deshalb arbeitet das Anti-Atom-Komitee gemeinsam mit 80 weiteren NGOs in ganz Europa an einer Online-Plattform, die den internationalen Austausch von Anti-Atom-Aktivisten fördern und auf der über Energie-Alternativen diskutiert werden soll. Auch das ist eine wichtige Säule der Anti-Atom-Bewegung. Doppler glaubt an eine internationale Lösung: „Es gibt keinen tschechischen oder französischen Klimawandel, nur einen globalen.“ Ressourcenschonende und nachhaltige Energiegewinnung ist ein zentrales Element der heutigen Klimadebatten.

Der Austausch mit den Älteren fehlt

Auch Greta Thunberg, die 18-jährige schwedische Klima-Aktivistin und Initiatorin der globalen Umweltbewegung „Fridays for Future“(FFF), hat sich 2019 gegen Atomkraft ausgesprochen. Anna Khoudokormova, ebenfalls 18 Jahre alt, teilt diese Meinung. Eine Zukunft mit Atomkraft gehört nicht in ihre Vision einer Klimagerechtigkeit. Khoudokormova macht die politische Arbeit bei Fridays for Future Wien und organisiert die Klimademonstrationen der globalen Bewegung in Wien, immer dann, wenn die FFF wieder eine weltweite Demo ausruft. Atomkraft ist bei FFF zwar nicht Hauptthema, aber schließt es nicht aus. „Wir wollen hinaus aus allen alten Formen der fossilen Energiegewinnung, auch aus Atomkraft. Wir fordern eine Energiewende, jetzt“, sagt sie.

Anna Khoudokormova hält regelmäßig Ansprachen auf den Wiener Fridays-For-Future Protesten, die sie auch mitorganisiert.
Anna Khoudokormova hält regelmäßig Ansprachen auf den Wiener Fridays-For-Future Protesten, die sie auch mitorganisiert.Fridays For Future Wien

Khoudokormova versteht, wenn die ältere Generation die Jüngeren kritisiert, dass sie sich nicht genug für das Thema starkmachen. „Das ist ein bisschen wie mit dem Krieg: Wir lernen das zwar in der Schule, können es uns aber gar nicht so vorstellen, weil wir nicht direkt betroffen waren“, sagt sie. Auch sie würde sich mehr Austausch mit den älteren Aktivisten wünschen. FFF arbeitet zwar anders, vor allem digitaler, und ist globaler über soziale Medien vernetzt, doch würde die Bewegung auch die Älteren brauchen, um ihr Schülerimage loszuwerden. „Ältere Menschen loben zwar oft unsere Aktionen, sagen dann aber, sie seien schon zu alt, um sich hier zu engagieren“, erzählt Khoudokormova.

Diversität und Zusammenarbeit seien wichtige Anliegen der Klimabewegung. Khoudokormova glaubt an einen breiteren Ansatz, der vereinen soll, anstelle von Generationenkonflikten. Die Wende müsse eine globale sein und eine generationen- und schichtübergreifende. Es scheint so, als gäbe es genug junge Menschen, die auch in Zukunft für ein AKW-freies Österreich aufstehen. Nur hat sich die Art des Widerstands verändert. Aus dieser Perspektive ist die Anti-Atom-Bewegung gar nicht so tot, wie sie manche bezeichnen würden. Sie hat sich vielleicht einfach weiterentwickelt.