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Hawking: "Wir werden zu den Herren der Schöpfung"

(c) AP (Dave Chidley)

Am Dienstag erscheint Stephen Hawkings neues Buch "Der Große Entwurf - Eine neue Erklärung des Universums", das er gemeinsam mit Leonard Mlodinow verfasst hat: Es ist mehr Theologie als Physik.

"Wenn wir die Antwort auf diese Frage (warum es uns und das Universum gibt, Anm.) fänden, wäre das der endgültige Triumph der menschlichen Vernunft – denn dann würden wir Gottes Plan kennen.“ Mit diesem Satz schloss Stephen Hawking 1988 jenes Buch, das ihn zum Star machte und der Physik einen Boom populärwissenschaftlicher Bücher bescherte: In „Eine kurze Geschichte der Zeit“ plädierte er vehement dafür, auch „die Frage nach dem Warum zu stellen“. Und er glaubte offensiv an die Existenz einer „vollständigen Theorie“.

Nun, 22 Jahre später, veröffentlicht Stephen Hawking – gemeinsam mit dem US-Physiker Leonard Mlodinow, der u.a. Drehbücher für „Raumschiff Enterprise“ verfasst hat – ein neues Buch mit gewaltigem Titel: „Der Große Entwurf“. Untertitel: „Eine neue Erklärung des Universums“. Der letzte Satz erinnert verblüffend an den letzten Satz der „Kurzen Geschichte“, er lautet: „Wenn die Theorie durch Beobachtung bestätigt wird, ist sie der erfolgreiche Abschluss einer Suche, die vor mehr als 3000 Jahren begonnen hat. Dann haben wir den Großen Entwurf gefunden.“

Ungebrochener Optimismus? Nun ja. Die Theorie, die Hawking meint, ist die sogenannte M-Theorie, in der es elf Dimensionen der Raumzeit gibt – und elementare Objekte („p-Branen“) mit null bis elf Raumdimensionen. Das Problem ist, von dieser M-Theorie auf die Beschreibung des Universums zu kommen, dessen Raumzeit bekanntlich nur vierdimensional ist. Dafür gibt es, wie die M-Theoretiker allen Ernstes sagen, 10500 Möglichkeiten, das macht 10500 mögliche Universen. Das ist mehr als viel. Hawking illustriert mit dem für ihn typischen trockenen Humor: „Wenn irgendein Wesen die für jedes dieser Universen vorhergesagten Gesetze in nur einer Millisekunde analysieren könnte, hätte es bis heute gerade mal 1020 geschafft. Und das ohne Kaffeepausen.“ Anderswo schreibt er: „Die Forscher versuchen noch immer, das Wesen der M-Theorie zu ergründen, doch das könnte sich letztlich als unmöglich erweisen.“ Dann aber wieder verkündet er: „Die M-Theorie ist die vereinheitlichte Theorie, die Einstein zu finden hoffte.“

 

10500 Universen zur Auswahl

Unergründlich, aber vereinheitlicht: Hawking entscheidet sich – wie manche theoretische Physiker – für eine verwegene Lösung: Es gibt nicht nur 10500 mögliche Universen, sondern es gibt sie wirklich. Wenn Hawking nicht schon auf der ersten Seite der Philosophie beschieden hätte, dass sie nichts zu reden habe, würden wir in aller Bescheidenheit Ockhams Rasiermesser zücken und sagen: Entitäten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden.

Seine Sicht der Quantentheorie beschert Hawking eine weitere gigantische Vermehrung der Welten. Er geht vom Formalismus aus, den Richard Feynman entwickelt hat (und zitiert dazu auch eine Arbeit der Wiener Gruppe um Anton Zeilinger ausführlich): Quantenobjekte folgen nicht einem Pfad, sondern allen möglichen Pfaden. Wenn man das gesamte Universum als Quantenobjekt sieht, meint Hawking, dann müsse man ihm auch zugestehen, dass es „nicht nur eine einzige, sondern jede mögliche Geschichte hat“. Was bedeutet, dass jedes der 10500 Universen, die die M-Theorie hervorgebracht hat, sich wiederum in unzählige Universen aufspaltet, die jeweils ihre eigene Geschichte haben. In einem davon leben Stephen Hawking und wir.

„Nur eine ganz geringe Anzahl“ dieser Universen, schreibt Hawking, „würde die Existenz von Geschöpfen wie uns zulassen. Daher selektiert unsere Anwesenheit aus dieser ungeheuren Zahl nur diejenigen Universen, die mit unserer Existenz vereinbar sind. Obwohl wir nach kosmischen Maßstäben nur winzig und unbedeutend sind, werden wir dadurch in gewissem Sinne zu den Herren der Schöpfung.“

Hawking ist nicht der einzige Physiker, der das anthropische Prinzip („Die Welt muss so beschaffen sein, dass unsere Existenz möglich ist“) so radikal interpretiert. Aber bei ihm wirkt es besonders himmelstürmerisch. Er macht nicht nur sich selbst „im gewissen Sinn“ zum Herren der Schöpfung, sondern schafft auch einen bekannten Konkurrenten, Gott, per Dekret aus der Welt. Respektive aus den Welten: Die reale „Vielfalt von Universen“ sei „eine natürliche Folge der physikalischen Gesetze“.

 

Nicht auf Gott „angewiesen“

Die „Schöpfung“ – Hawking bleibt beim theologischen beladenen Ausdruck! – sei damit „nicht auf die Intervention eines übernatürlichen Wesens oder Gottes angewiesen“. Nur auf die Physik als gesetzgebendes Organ.

Als (menschlicher) Gegner dient Hawking der Wiener Kardinal Schönborn, der sich erlaubt hat, in der Welt einen göttlichen „Zweck und Plan“ zu sehen – als Theologe, wohlgemerkt. Wenn Hawking scheinbar physikalisch dagegen argumentiert, betätigt er sich in Wahrheit längst als Theologe. Er sucht den „Großen Entwurf“, den ihm die Naturwissenschaft nicht bescheren kann, außerhalb von deren Grenzen.

ZUR PERSON

Stephen Hawking, 1942 in Oxford geboren, ist Astrophysiker, er hat vor allem zur Theorie schwarzer Löcher geforscht. Er leidet seit 1963 an einer degenerativen Erkrankung des Nervensystems. Seit 1968 sitzt er im Rollstuhl, seit 1985 kann er nur mehr via Sprachcomputer sprechen. 1988 erschien „Eine kurze Geschichte der Zeit“, 2003 „Das Universum in der Nussschale“. Er ist Atheist, aber auf Lebenszeit Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. [EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2010)