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Staatsoper: Dieser Traviata brechen die Follower weg

Pretty Yende als Violetta, Juan Diego Flórez als Alfredo, Igor Golovatenko als Giorgio Germont, Attila Mokus als Baron Douphol, Ilja Kazakov als Doktor Grenvil.
Pretty Yende als Violetta, Juan Diego Flórez als Alfredo, Igor Golovatenko als Giorgio Germont, Attila Mokus als Baron Douphol, Ilja Kazakov als Doktor Grenvil.Staatsoper/Walter Pöhn
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Regisseur Simon Stone zeigt Verdis „Traviata“ inmitten von Chatverläufen und Social Media als krebskranke Influencerin, scheitert aber bei der Übersetzung des alten Stigmas Prostitution ins neue Ambiente. Pretty Yende rührt, die nobelste Stimme hat Juan Diego Flórez.

Ein paar starke Bilder gibt es sehr wohl. Am Beginn des letzten Aktes zum Beispiel, wenn Violetta inmitten anderer Patienten bei der Chemotherapie an ihrem Tropf hängt, allein, ohne freundschaftliche Begleitung: Sogar die treue Seele Annina scheint da zunächst, wie sich herausstellt, mehr in der Vorstellung als real präsent zu sein. Das zwickt den Betrachter an Stellen, an denen er lieber nicht gezwickt werden möchte – und also ist es richtig, Krankheit und Sterben in einem so modernen, alltäglichen, vielleicht nur allzu schmerzlich bekannten Ambiente zu zeigen.

Ja, was 1848 als „Schwindsucht“ in Alexandre Dumas’ autobiografisch inspirierter Romanvorlage „Die Kameliendame“ begonnen hat (und schon dort möglicherweise mehr ein alter Euphemismus für Syphilis war als die Tuberkulose), sich wenige Jahre später in Giuseppe Verdis skandalträchtiger Opernversion „La traviata“ fortsetzte und in manchen jüngeren Deutungen auch schon mal als Aids interpretiert wurde, ist beim Regisseur Simon Stone der alte Menschenfeind Krebs – in jener Koproduktion, die 2019 in Paris ihre Premiere hatte und nun an der Wiener Staatsoper Einzug gehalten hat: wie üblich ohne Publikum, aber vor Kameras und Mikrofonen. Auf Bob Cousins fast ständig aktiver, sich verwandelnder Drehbühne und mit Zakk Heins Videos wird die Geschichte einer einflussreichen Influencerin unserer Tage mit über einer Million Followern erzählt, die ihre Schönheit, ihren Körper, ihr Image verkauft – aber nicht so, wie seinerzeit die Edelkurtisanen der Demimonde, sondern indem sie ihre Haut via Social Media zu Markte trägt. Nach ihrem Ausstieg ist sie freilich von allen verlassen.