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Gastkommentar

Die psychische Pandemie und hausgemachte Hürden

Die Presse (Peter Kufner)
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Jugend I. Systematische Versäumnisse verschärfen die Auswirkungen der Coronakrise auf die psychische Gesundheit junger Menschen.

Dieser Tage begehen wir ein Jubiläum, auf das alle von uns gern verzichtet hätten: ein Jahr leben in und mit der Pandemie. „Der größte Fehler ist, sich nicht zu bewegen“, „Geschwindigkeit übertrumpft die Perfektion“ – diese Zitate von Michael Ryan, dem Direktor des Programms für Gesundheitsnotfälle der WHO, vom März 2020 lassen sich bei heutiger Betrachtung als Leitlinien für Politik und Behörden definieren. Während in einigen Bereichen, beispielsweise in der Entwicklung von Impfstoffen, in kurzer Zeit viel gelungen ist, sehen wir in anderen Bereichen, etwa bei Home-Office-Regelungen, kaum Fortschritte.
Bei wichtigen Themen für unsere Gesellschaft spitzt sich die Situation sogar zu. So haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten in Krems, Wien und Ulm untersucht, wie es um die psychische Gesundheit der österreichischen Jugendlichen während Covid-19-bedingter sozialer Distanzierung und Home-Schooling steht. Die Ergebnisse sind erschreckend: 55 Prozent aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer weisen klinisch relevante depressive Symptome auf, 23 Prozent Schlaflosigkeit, 64 Prozent Symptome einer Essstörung und 16 Prozent der Jugendlichen geben an, Suizidgedanken zu haben.

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Vielfältige Ursachen

Während wir aus vielen Untersuchungen wissen, dass sich im vergangenen Jahr die psychische Gesundheit bei vielen Bevölkerungsgruppen verschlechtert hat, zeigten diese Daten erstmals, wie es um die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Österreich steht. Die Ergebnisse decken sich mit international vergleichbaren Studien, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden.
Die Gründe für die massive Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind vielfältig, beispielsweise Unsicherheiten in der Ausbildung, auf dem Arbeitsmarkt oder die Folgen sozialer Isolation. Erschwerend kommt hinzu, dass schon vor der Pandemie eine „Behandlungslücke“ bei psychischen Erkrankungen bestand. Die Differenz zwischen der Prävalenz, also der Häufigkeit einer Erkrankung, und den Behandlungsraten ist gerade bei Jungen sehr ausgeprägt, die Unterversorgung also ein großes Problem.
Die Pandemie verschärft damit eine Lage, die in Österreich durch hausgemachte Hürden in der psychischen Gesundheitsversorgung schon zuvor angespannt war. Wir gehören zwar zu den Ländern mit der höchsten Ärztedichte in Europa. Gleichzeitig sehen wir in bestimmten Bereichen einen Rückgang: 2010 gab es in Wien 91 Kassenstellen für Kinder- und Jugendärzte, 2019 waren es nur mehr 84, obwohl die Bevölkerung Wiens in diesem Zeitraum um über 200.000 Personen gewachsen ist. Auch die psychische Gesundheitsversorgung ist verbesserungswürdig: Wer in der Stadt Basel, 200.000 Einwohner, medizinisches Fachpersonal sucht, findet über 200 niedergelassene Psychiater und 93 Psychologen mit Kassenverträgen. Niederösterreich hat 1.684.287 Einwohner und hatte laut regionalem Strukturplan Gesundheit 2016 22,3 Planstellen für niedergelassene Fachärzte mit Kassenvertrag. Bis 2025 sollen diese auf 27,9 Planstellen angehoben werden.

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