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Gastkommentar

Gewalt durch Männer: Eine sachliche Debatte ist dringend notwendig

Proteste in Großbritannien
Proteste in GroßbritannienREUTERS
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Die Reaktionen auf Elisabeth Postls Glosse „Wir müssen über Männer reden“ zeigen, wie wichtig eine Debatte ist.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Mit ihrer anlässlich der jüngsten Femizide erhobenen Forderung „Wir müssen [...] auch über Männer reden – wir müssen mit ihnen reden“ hat Elisabeth Postl in der „Presse“ den sprichwörtlichen Nerv augenscheinlich derart getroffen, dass die Presse-Redaktion sich gezwungen sah, die Kommentarfunktion zu ihrer Glosse zu deaktivieren. Dabei stellt sich die Frage, was die Gemüter an ihrem kurzen Meinungsbeitrag dermaßen erhitzt, dass eine zurecht geforderte öffentliche Debatte über und mit Männern unmöglich scheint?

Inhaltlich fasst Postl am Beispiel der Britin Sarah Everard pointiert gängige Antworten der Gesellschaft im Umgang mit Gewalt gegen Frauen zusammen, die allesamt die Verantwortung bei den Frauen selbst verorten. Wer kennt sie nicht, die unzähligen, vor allem an junge Frauen gerichteten, vermeintlich gut gemeinten Ratschläge, wie „Sei am Abend nur in Begleitung unterwegs“, „Zeig nicht zu viel Haut“, „Schau, dass du in der Straßenbahn vorne in der Nähe des Fahrers oder mehreren anderen Leuten sitzt“, „Ruf an, wenn du zuhause bist“ et cetera? Eine Forumsdiskussion in der Online-Ausgabe der Presse anlässlich eines der jüngsten heimischen Mordfälle an einer Wienerin im Februar, kreiste gar primär um die Frage, ob sich die Frau nicht durch Steckenlassen ihres Schlüssels im Zylinderschloss ihrer Wohnungstüre vor einem Eindringen ihres Lebensgefährten  hätte schützen können.

Generell zeichnet sich die Debattenkultur (nicht nur zu diesem Thema) durch eine bemerkenswerte Niveaulosigkeit aus, die sich allzu oft auf den Austausch von Untergriffigkeiten beschränkt. Die immer wiederkehrenden und teils widersprüchlichen Reaktionsmuster offenbaren ihrerseits ein mangelndes Problembewusstsein und reichen u.a. von (1) Relativierung à la – „So etwas kann man einfach nicht verhindern, totale Sicherheit gibt es nicht“, „Auch Männer werden bedroht“ (Ja, eh. Übrigens auch nicht-binäre Personen...) – (2) Pauschalisierungsvorwürfen – „Nicht alle Männer sind Gefährder“ (Nein, eh nicht. Aber zu viele Männer.) – über (3) Verlagerung – „Wir müssen unsere Frauen vor migrantischen Männern schützen“ – bis hin zu (4) Verleugnung – „Also ich fühle mich sicher“,  „So groß ist das Problem nicht“ oder „Mit sicherem Auftreten passiert das Frau nicht“ (Tatsächlich?).

Blick in die Kriminalstatistiken

Ein Blick in die Kriminalstatistiken der Polizei und die Tätigkeitsberichte der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie ergeben Jahr für Jahr, dass über 90 Prozent der Gefährder sowohl innerfamiliär als auch im öffentlichen Raum männlich sind. Es nahezu ausschließlich Männer sind, durch die Frauen Gewalt erleben (2019: 91,5 Prozent). Gefährder in allen sozialen Schichten vertreten und zu 50,6 Prozent (2019) österreichische Staatsbürger sind. Die Anzahl von Femiziden seit Jahren ansteigt. Das zahlenmäßige Ausmaß mit 39 weiblichen Mordopfern, 8.748 durch die Polizei verhängten Betretungsverboten und 19.943 von Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreuten Personen, davon 83 Prozent Frauen und Mädchen (Österreichweite Zahlen für 2019 lt. Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie (2020): Tätigkeitsbericht 2019), keine personalisierten „Einzelfälle“, sondern ein strukturelles gesellschaftliches Problem offenbart, das eine offene Debatte notwendig macht.

Indem Postl diese von unzähligen Nebelgranaten überlagerte Thematik über die Sicherheit von Frauen auf ihren Kern reduziert und den Blick auf „Gewalt durch Männer“ richtet, ruft sie offenkundig Gefühle von Provokation hervor. Im Mikrokosmos des Presse-Forums scheint ein sachlicher Gedankenaustausch vorerst nicht möglich zu sein. Die Debatte wird aufgrund der Schäbigkeit mit der sie geführt wird unterbunden. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Gesprächsbedarf gestillt wurde. Im Gegenteil: Es unterstreicht umso mehr, was schon Postl richtig erkannte: wir müssen reden. Nicht nur über Frauen. Nicht nur mit Frauen. Sondern mindestens genauso dringend über Männer. Mindestens genauso dringend mit Männern.

Mag. Dominique Bauer, BA ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Internationale Entwicklung der Universität Wien.

Mag. Kristina Kroyer, BA arbeitet in der zivilgesellschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit.