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Deutschland – einig Vaterland?

Die 20-Jahre-Bilanz der Wiedervereinigung fällt positiv aus.

Am 3.Oktober erinnert sich Europa 20 Jahre zurück: Hunderttausende Menschen feierten vor dem deutschen Reichstag in Berlin die Wiedervereinigung. Ganz Deutschland lag damals im Freudentaumel. In nur einem Jahr wurde die Wiedervereinigung errungen. Die DDR-Bürger hatten zuerst mit dem Kampfruf „Wir sind das Volk“ für Freiheit und Demokratie gekämpft. Daraus wurde aber sehr schnell „Wir sind ein Volk“, also der Ruf nach der Einheit: Die Wiedervereinigung wurde zum Ziel, nicht eine demokratisierte DDR. Die Deutsche Bundesrepublik hatte in der Nato, in der EG (heute EU) und in Russland viel Vertrauen erwerben können. So konnten Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher das Mondfenster nützen, Deutschland erstand wie der Phönix aus der Asche – gegen den Widerstand der deutschen Sozialdemokraten und Grünen und mancher europäischer Staatsmänner.

Bei einer Tagung auf der Wartburg, einst Teil der DDR, zogen Experten jüngst Bilanz. Im ersten Hinschauen fiel sie zwiespältig aus: Unzufriedenheit in den neuen Bundesländern mit dem politischen System; Klagen über ein Auseinanderklaffen des Lebensstandards zwischen den alten und neuen Bundesländern; (N)Ostalgie, also „Heimweh“ nach der alten DDR; noch immer ein hohes Restvertrauen in den Sozialismus, der nur falsch durchgeführt worden sei; und immer noch das Höherstellen der Gleichheit über die Freiheit.

In den durch zahlreiche Umfragen gestützten Untersuchungen der Fachleute aus Leipzig und Berlin wurde dieses Bild dann zurechtgerückt. Kritik ja, aber vorwiegend zur Rechtfertigung der eigenen Vergangenheit und zur Identitätsstiftung. Nach wie vor bewertet eine überwältigende Mehrheit die Wiedervereinigung positiv. Demokratiekritik bedeutet keine Unzufriedenheit mit der Wiedervereinigung. Während die Ungarn, die Polen, die Tschechen und Slowaken ihren heutigen Lebensstandard mit dem früheren, vor der Befreiung, vergleichen und Verbesserungen feststellen, vergleichen sich die „Ossis“ immer nur mit den „Wessis“. Da besteht immer noch ein großer Unterschied! Man will auch von der sozialistischen Vergangenheit nichts mehr wissen, und die Jugend weiß auch nicht mehr viel. „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die guten Stunden nur“ steht als Grundsatz über aller Erinnerung. Schwamm drüber über den Terror der Geheimpolizei Stasi. Ein Neuanfang wird allgemein gewünscht, Verharren im Verweis auf früheres Unrecht abgelehnt. So wurde am Ende der Tagung klar, dass das einige Vaterland der Deutschen unumstößliche Realität geworden ist. Akzeptiert von den Deutschen, geachtet von der Welt. Am 3.Oktober 2010 besteht Grund zum Feiern: für Deutschland und für Europa. Ohne Europa hätte es die Wiedervereinigung nie geben können, und auch Europa ist seitdem stärker geworden.

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2010)