Schnellauswahl

Wahlkampf mit Kopftuch

Wahlkampf mit Kopftuch
Brunnenmarkt, Wien(c) Presse (Clemens Fabry)

Sehr konservative Kandidatinnen sollen SPÖ und ÖVP bei der Wien-Wahl Stimmen bringen. Das führt aber auch zu parteiinternen Debatten.

Gülsüm Namaldi ist 23 Jahre alt, studiert Germanistik an der Universität Wien und arbeitet nebenbei als Produktmanagerin bei der Telekom. Seit Kurzem ist sie auch noch Politikerin: Namaldi kandidiert bei den Wiener Gemeinderatswahlen für die SPÖ. Weil sie an 166. Stelle gereiht wurde und damit eigentlich chancenlos ist, versucht sie mit einem Vorzugsstimmenwahlkampf ihr Glück.

Bis hierher ist das die Geschichte einer sehr gelungenen Integration, mit der die Wiener SPÖ durchaus angeben könnte. Doch ein kleines Problem gibt es bei Gülsüm Namaldi: Sie trägt ein Kopftuch, ganz streng gebunden, so, dass es auch noch den Hals bedeckt. Der Rest ihrer Garderobe entspricht ebenfalls exakt den Vorstellungen von sittenstrengen Muslimen.

In der SPÖ hat die Kandidatur der jungen Frau zu teilweise recht heftigen Diskussionen geführt, wie Kommunikationschefin Gerlinde Dobusch zugibt. In den Internetforen ging es mitunter hoch her. Befördert haben das nicht zuletzt ein Auftritt der Kandidatin in der ORF-Sendung „Report“ und ein von Namaldi verteilter Folder, der ausschließlich auf Türkisch verfasst war. Auf ihrer Homepage fordert Namaldi verpflichtenden Unterricht in der Muttersprache für nicht deutschsprachige Schüler. Bei Deutschkursen will sie dagegen keinen Zwang, sondern lediglich eine Erhöhung der Attraktivität.

Mit offiziellen Statements ist Gülsüm Namaldi inzwischen deutlich zurückhaltender geworden. Ein Gespräch mit der „Presse“ lehnte sie ab. Sie habe derzeit leider zu viel zu tun.

"Werbung nur in ihrer Zielgruppe"

Gerlinde Dobusch versteht die Kritik an der extrem konservativen Kandidatin, ersucht aber um Verständnis. „In einer großen Partei muss man auch zulassen, dass es Menschen mit völlig anderen Positionen gibt.“ Wahlkampfeinsätze der Kopftuchkandidatin auf der Mariahilfer Straße seien aber vielleicht keine gute Idee. „Sie sollte eigentlich nur in ihrer Zielgruppe werben“, sagt Dobusch.

Auch die ÖVP setzt auf die Zugkraft des Kopftuchs in Teilen der Wählerschaft. Die 23-jährige Sara Rahman kandidiert auf Platz 29 der VP-Liste und wird ebenfalls nicht in den Gemeinderat kommen. Dennoch posiert Spitzenkandidatin Christine Marek mit ihr in der Migrantenzeitung „Biber“. Im Interview plädiert Marek dafür, das Kopftuch „als Normalzustand zu akzeptieren“.

Sara Rahman hat im Gegensatz zu Gülsüm Namaldi bisher kaum Wirbel ausgelöst, weil sie sich im Wahlkampf familienbedingt nur wenig engagiert. „Ich habe Zwillinge zu Hause, und wir ziehen gerade um.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2010)