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Quergeschrieben

Nur ein paar Bilder, aber tausend Missverständnisse

Achtung, Kamera! Politkatastrophen durch missdeutete und verleumderische Fotos von Lyndon B. Johnson bis Armin Laschet. Eine fast unendliche Geschichte.

Am 27. April 1964 unterhielt sich Lyndon B. Johnson mit Gästen auf dem Rasen vor dem Weißen Haus. Mit dabei waren seine beiden Beagles, genannt Her und Him. Ein Foto zeigt, wie der Präsident Him an den Ohren ziehend auf die Hinterbeine stellte. Bei näherer Betrachtung hätte man sehen können, dass er den Hund zugleich mit der linken Hand am Halsband stützte. Him blickt vergnügt, ihm schien das Spiel mit seinem Herrchen zu gefallen. Und doch wurde dieses Foto zu einem kommunikativen GAU des erst seit fünf Monaten amtierenden Präsidenten. Plötzlich stand er als Tierquäler da.

Meiner Erinnerung nach war es das erste Mal, dass ein Spitzenpolitiker wegen eines Fotos in ernste Schwierigkeiten geriet. Johnson, der den Krieg in Vietnam eskaliert und im Krieg gegen die Armut versagt hatte, versuchte mehrmals, sich zu rechtfertigen. Wenige Monate vor seinem Tod nahm er sogar eine Platte auf („Dogs Have Always Been My Friends“), um seine Hundeliebe zu dokumentieren. Man hört ihn darauf mit seiner Hündin Yuki im Duett heulen.

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Manipulation setzt auf das blinde Vertrauen in den Augenschein und in die Glaubwürdigkeit von Bildunterschriften. Es gibt ein Foto mit Marlene Dietrich in Männerkleidung zwischen zwei Begleitern. Angeblich sieht man darauf ihre Festnahme in Paris, weil sie gegen das Hosen-Verbot verstieß. Tatsächlich zeigt es sie nach ihrer Ankunft in Cherbourg mit ihrem Mann, dem Produzenten Rudolf Sieber, und einem gemeinsamen Freund. Obwohl das längst geklärt ist, hält sich hartnäckig die Legende ihrer Verfolgung wegen der Missachtung eines patriarchalischen Bekleidungsdiktats. Auf Twitter beschwor Saskia Sell gerade erst wieder den „Geist von Marlene Dietrich, die 1933 in Paris verhaftet wurde, weil sie Hosen trug“. Sell bildet an der FU in Berlin Journalisten aus.
Marlene Dietrich und Lyndon B. Johnson lebten in einer Welt, in der die Gefahr von den Pressefotografen ausging. Heute, in Zeiten der digitalen Bilderwucherung, ist „Message Control“ durch Bildbeschränkung eine Illusion. Das Smartphone hat den Paparazzo in eine Massenerscheinung verwandelt, gegen die es praktisch kein gewaltfreies Mittel gibt.

Armin Laschet, das jüngste prominente Opfer dieser Heimsuchung, steht als empathieloses, dauergrinsendes Monster am Pranger. Er sei, schrieb „Die Zeit“, ein Kanzlerkandidat, „dessen operative, kommunikative und gestische Fahrigkeit einem Angst machen muss“ (16. 7.). Und das, weil er auf einer Pressekonferenz in einer vom Hochwasser verwüsteten Gemeinde plötzlich (?) lachen musste, während der Bundespräsident Betroffenheit äußerte. Eine kurz danach bei derselben Gelegenheit gemachte Aufnahme mit einem grinsenden Steinmeier interessierte die hypermoralischen Haltungsjournalisten weniger, denn dieser kandidiert schließlich nicht für die falsche Partei.

Ein weiteres „Skandalfoto“ zeigt den jungen CDU-Abgeordneten Philipp Amthor auf einem Festival zwischen zwei Männern, die die Antifaschistische Linke Bochum für Neonazis hält. Ob das Foto manipuliert wurde, wird noch untersucht. Amthor ist kein Trottel, er hätte sich mit Rechtsextremen sicher nicht abbilden lassen. Aber es gehört zum Job eines Politikers, sich im Wahlkampf mit Leuten fotografieren zu lassen, die er nicht kennt.

Sicher authentisch sind die Aufnahmen, die Tanja Fajon, die Vorsitzende der slowenischen Sozialdemokraten, am 5. 5. 2020 twitterte. Sie ist dort bei der Kranzniederlegung vor dem Denkmal des Kommunisten Boris Kidrič zu sehen, der sich nach 1945 schwerer Verbrechen schuldig gemacht hat, besonders im Zuge der Vertreibung der Deutschen. EU-Kommissar Timmermans war so empört, dass man es in Ljubljana (Laibach) gewagt hatte, ihm diese Fotos seiner Genossin zu zeigen, dass er einen Foto-Termin mit dem konservativen slowenischen Ministerpräsidenten Janša boykottierte. Welch ein Verlust!

Zum Autor:

Karl-Peter Schwarz war langjähriger Auslandskorrespondent der „Presse“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Mittel- und Südosteuropa. Jetzt ist er freier Journalist und Autor.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2021)