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Ein Kardinal gibt Gas

Christoph Schönborn leitet einen Kurswechsel in der katholischen Kirche ein.

Jahrhundertelang mag der Hinweis gereicht haben, die katholische Kirche denke in Jahrhunderten. Mit der Beschleunigung aller wirtschaftlichen, technischen und damit soziokulturellen Veränderungen wird der Reformdruck aber immer rascher immer größer. Ein Ignorieren bedeutet für die katholische Kirche nichts anders als das völlige Herausfallen aus Welt und Zeit. Dem will zumindest der Kardinal zu Wien, Christoph Schönborn, nicht zusehen.

Im 16.Jahr seines Episkopats hat er sich Donnerstagabend zu einer Weichenstellung durchgerungen, deren gesamte Tragweite erst in vielen Jahren erkennbar sein wird. Unter dem Eindruck von Priestermangel und dem mehr oder weniger ungebrochenen Engagement so vieler nicht Geweihter an der Basis hat der Wiener Erzbischof mit einem Tabu gebrochen. Laien sollen künftig Gemeinden leiten dürfen. Damit hat er den gordischen Knoten zerschlagen, den das Kirchenrecht geknüpft hat. Pfarren können in Zukunft aus mehreren selbstständigen Gemeinden bestehen. Dass bestehende Pfarrgemeinden aufgelöst und in einfache Gemeinden verwandelt werden, die weitgehend ohne Priester agieren, wird nicht gesagt – ist aber selbstverständlich. Auch Schönborn hat also die Zeichen der Zeit erkannt. Er will, so gut das noch geht, Reformen selbst gestalten. Rom sollte hinsehen. Und dem Beispiel folgen.

 

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2010)