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Kino

Hier wähnt man sich im falschen Mexiko-Film

Fauna
Es ist, als würde man einen Film betrachten, und sämtliche Darsteller agierten, als wären sie in einem anderen.
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Alles Gangster und Drogenbosse? Der seltsam beglückende Film „Fauna“ entblößt die Klischees, die Filme und Serien ins kollektive mexikanische Unterbewusstsein gepflanzt haben.

Die Identität eines Landes hängt auch an den Filmbildern, die aus selbigem in die Welt und die Köpfe seiner Bewohner transportiert werden. Im Fall Mexikos ist das besonders problematisch, könnte man doch vor allem in US-Filmen und Serien leicht den Eindruck gewinnen, dass dort sämtliche Menschen mit Drogen handeln oder Kinder entführen.

Das seltsam beglückende, unangenehm absurde Faszinosum „Fauna“ des mexikanisch-kanadischen Filmemachers Nicolás Pereda leistet da eine herrlich selbstreflexive Abhilfe. Eigentlich folgt der Film Luisa (Luisa Pardo) und Paco (Francisco Barreiro), einem Paar auf Heimatbesuch in einer Bergarbeiterstadt im Norden Mexikos. Als aber Luisas enigmatischer Bruder Gabino (Lázaro Gabino Rodríguez) auftaucht, ihr Vater sich weigert, Paco eine seiner Zigaretten zu geben, und den Schauspieler stattdessen penetrant auffordert, ihm Szenen aus seiner Gangsterserie vorzuspielen, verkehrt sich der Familienbesuch in ein Sammelsurium von an David Lynch erinnernden Merkwürdigkeiten.

Alles scheint möglich. Selten fühlt man sich einem Film so ausgeliefert. In verspielten, aufregend manipulativen Szenen entblößt sich ein nationales Unterbewusstsein, das unter anderem von der Netflix-Serie „Narcos: Mexico“ besetzt scheint. Die Gewalt, Sprache und Atmosphäre solcher Serien hat sich längst festgesetzt in der Imagination der Figuren. Es ist, als würde man einen Film betrachten, und sämtliche Darsteller agierten, als wären sie in einem anderen. Das ist gleichermaßen sehr theoretisch und lustvoll, entfremdend und betörend.

Und plötzlich ist man in einem Noir-Film

Alle Figuren spielen mexikanische Klischees, niemand lebt mehr wirklich. Als in der Mitte des Films plötzlich ein neues Narrativ beginnt, in dem dieselben Schauspieler mit Perücken einen Noir-Film samt Detektiven und Femme fatale durchleben, wähnt man sich nicht nur sprichwörtlich im falschen Film, sondern erkennt auch die brechtianischen Bemühungen Peredas.

Während die Wirklichkeit irgendwo anders fortfährt, erstarren sämtliche Figuren des Films in doppelbödigen Fiktionen. Statt den Zuseher in diesen Konstrukten versinken zu lassen, lädt der Film dazu ein, über das Schauspiel selbst nachzudenken. Warum spielen wir? Was spielen wir uns vor? Ohne sich freudianischen Ergüssen hinzugeben, beschreibt Pereda eine Ohnmacht, die immer nur einen Traum entfernt scheint vom eigentlichen Leben.

So schön die Flucht in fiktionale Welten anmuten mag, so seltsam ist es, wenn Franchise-Träume kollektiv eingepflanzt werden. Weniger geht es hier um Fantasie als um die innere Notwendigkeit, andere Realitäten zu erleben. Dass es in Mexiko Kriminalität gibt, ist keine Frage, dass diese aber zu einem eigenen Genre samt wiederkehrenden Farbfiltern und Stereotypen wurde, rückt das wirkliche Drama in den Bereich der Entfremdung.

Leider ist sich „Fauna“ seiner eigentlich profunden Analyse dieser nicht nur mexikanischen Eskapismustendenz nicht immer bewusst, und so vergnügt sich der Film zunehmend in seiner eigenen Verschrobenheit. Man bekommt das Gefühl, hier einfach einem talentierten Ensemble bei der Arbeit zuzusehen. Das ist wahrlich nicht schlimm, aber auch eine vertane Chance.

„Fauna": Zu sehen ab 4.9. im Le Studio in Wien.


[RR1WZ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2021)