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Architektur

„Lehm steht zur Verfügung, wo er verbaut werden soll“

Der Austria Pavillon bei der Expo 2020 in Dubai setzt auf Lehmputz im Innenbereich.
Der Austria Pavillon bei der Expo 2020 in Dubai setzt auf Lehmputz im Innenbereich.Ars Electronica Solutions/Expo A
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Ein lang vernachlässigtes Baumaterial könnte ob seiner ökologischen Vorteile nun eine Renaissance feiern: Lehm muss nicht weit transportiert werden, bedarf keiner schädlichen Zusatzstoffe und lässt sich gut recyceln. Das Projekt „Clay to stay“ liefert genaue Daten.

Wer an Häuser aus Lehm denkt, hat meist Bilder von Hütten irgendwo in Afrika, Asien oder Südamerika im Kopf. Aber auch in manchen Gegenden Österreichs wurden bis in die Nachkriegsjahre Gebäude aus Lehm errichtet. Ute Muñoz-Czerny vom Österreichischen Institut für Baubiologie und -ökologie (IBO) will das Bauen mit Lehm nun wieder salonfähig machen. Sie leitet das im Mai gestartete Projekt „Clay to stay“, in das neben dem IBO auch weitere Forschungseinrichtungen des Austrian-Cooperative-Research-Netzwerks (ACR) eingebunden sind.

Die Wissenschaftlerin beruft sich vor allem auf die ökologischen Vorteile: „Lehm ist fast überall vorhanden und steht damit direkt dort, wo er verbaut werden soll, zur Verfügung. Er braucht nicht über weite Strecken transportiert zu werden, bedarf keiner gesundheitsbeeinträchtigenden Zusatzstoffe und ist bedenkenlos in den Naturkreislauf rückführbar.“ Einsetzen lasse sich das Gemisch aus Ton, Sand und Mineralien auf vielfältige Weise: Ungebrannte Lehmziegel eignen sich ebenso wie Stampflehm zur Errichtung tragender Mauern, Estrich oder Innenputz können ebenfalls aus dem Sedimentmaterial hergestellt werden. „Leichtlehm ist zudem eine gute Dämmung“, erklärt Muñoz-Czerny.

Das Problem: „Die Zusammensetzungen und damit die Eigenschaften des Lehms sowie dessen Eignung für die unterschiedlichen Verwendungszwecke sind überall unterschiedlich. Die Aufbereitung bedarf daher eines Fachwissens, das mittlerweile verloren gegangen ist und auch in der Ausbildung nicht zureichend vermittelt wird.“ Aus diesem Grund greifen Initiativen, die zum Teil bereits seit etlichen Jahren das Bauen mit Lehm wieder forcieren wollen, gern auf industriell hergestellten oder weither antransportierten zurück. „Aber damit gehen die ökologischen Vorteile des vor Ort verfügbaren Baustoffs verloren“, so die Expertin. „Und es geht ja genau darum, energieintensive und emissionsstarke Herstellungsprozesse sowie Transportwege einzusparen.“

Durch die fachgerechte Aufbereitung können Faktoren wie Druckfestigkeit sowie Wasseraufnahme- oder Abriebfähigkeit des regional verfügbaren Lehms für den jeweiligen Verwendungszweck optimiert werden. „Voraussetzung ist jedoch eine genaue Analyse des Ausgangsmaterials“, erklärt Muñoz-Czerny. „Daher werden im Rahmen des Projekts unter anderem Kriterien für eine Bewertung von Lehm sowie, darauf aufbauend, eine standardisierte Laborprüfmethodik entwickelt.“

Sogar das Raumklima profitiert

Überprüft werden sollen auch die Auswirkungen des Bauens mit Lehm auf das Raumklima. „Der schlechte Ruf von Lehm als Baustoff rührt oft von Klagen über aufsteigende Feuchtigkeit her“, erklärt die Projektleiterin. „Aber mittlerweile gibt es Techniken, die das verhindern.“

Stampflehm erreiche die Dichte von Stahlbeton, seine Speichermasse könne daher zur Regulierung des Raumklimas eingesetzt werden. „Durch die Fähigkeit, thermische Energie zu speichern, trägt das Material ähnlich wie Massivbeton dazu bei, die Kosten für Heizung bzw. Kühlung zu senken.“ Laborstudien deuten überdies darauf hin, dass Lehm in der Lage sei, Schadstoffe aus der Luft aufzunehmen. Beim Projektpartner AEE Intec in Gleisdorf werden dazu Experimente durchgeführt, indem Schadstoffe gezielt in eine Versuchsfassade eingebracht werden.

Im Fokus von „Clay to stay“ steht aber auch die Bewusstseinsarbeit. „In Gesprächen mit Stakeholdern aus der Baubranche wollen wir erheben, welche Gründe aus Sicht von Architekten, Bauträgern und anderen Beteiligten der Verwendung von Lehm im Weg stehen. Wir wollen Aufklärung leisten und die Voraussetzungen für den Einsatz von Lehm auch im großvolumigen Wohnbau ausloten“, sagt die Projektleiterin.

„Aus ökologischer Sicht ist Lehm der ideale Baustoff für eine klimafreundliche Zukunft. Er lässt sich ja auch im Gegensatz zu Beton jederzeit umformen, sodass man ihm beim Abriss eines Gebäudes lagern kann, bis er wieder mit Wasser angemischt und neu verwendet wird. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels wäre es tragisch, dieses Potenzial nicht zu nutzen.“