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Hohe Inflation: "Lebensversicherung nicht zu empfehlen"

(c) Michaela Seidler
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Die hohe Anleihenquote sei ein Problem für die Versicherungsgesellschaften, sagt Rudolf Mittendorfer, Obmann der Wiener Versicherungsmakler.

Die Presse: In den vergangenen Wochen sind die Lebensversicherungen stark in Kritik geraten. Wohl nicht zu Unrecht, die Anleger müssen seit Jahren eine schwindende Rendite beobachten.

Rudolf Mittendorfer: Diese Kritik halte ich für absolut nicht berechtigt. In Österreich ist die private und betriebliche Altersvorsorge unterentwickelt – umso weniger verstehe ich, dass ein seit Jahrzehnten probates Modell wie die Lebensversicherung verteufelt wird. Man muss sich nur an die Ereignisse der Finanzkrise erinnern, die Lebensversicherungen haben sich während dieser Zeit sehr bewährt.

Trotzdem, bei den Lebensversicherungen sind die Erträge für die Anleger schon so niedrig, dass sie nach Abzug der Inflation einen Kaufkraftverlust befürchten müssen.

Mittendorfer:Die Verzinsung der Lebensversicherungen ist in den vergangenen 20 Jahren analog zum gesamten Zinsniveau deutlich gesunken. Die Nettorendite macht momentan nicht mehr aus als die Inflation, das stimmt. Man muss aber auch sagen, dass wir uns aktuell in einer Lage befinden, in der es allgemein niedrige Zinsen bei Anleihen und schlechte Ergebnisse auf den Aktienmärkten gibt. Es ist daher fair, wenn man Lebensversicherungen mit traditionellen Fonds vergleicht. Bei Ersteren habe ich in den vergangenen Jahren zumindest die Inflation abgegolten bekommen, bei vielen Fonds stehe ich heute mit Verlusten da.

 

Die Versicherungen werben um Kunden, indem sie aktuell von einer „Gesamtverzinsung“ von drei bis vier Prozent sprechen. Diese Verzinsung bezieht sich jedoch nur auf den Sparanteil (Prämien minus Kosten) und nicht auf die volle eingezahlte Prämien. Die Nettorenditen liegen daher viel niedriger. Warum weisen die Versicherungen gegenüber den Kunden nicht eindeutig aus, wie hoch deren Anlageerträge tatsächlich sind?

Mittendorfer: Die Informationen gegenüber den Kunden könnten besser sein, das ist keine Frage. Von der eingezahlten Prämie werden die Versicherungssteuer, Verwaltungs-, Vertriebs- und Risikokosten abgezogen. Was danach übrig bleibt, kann erst veranlagt werden. Den Kunden wäre daher wohl am ehesten geholfen, wenn sie die Gesamtkostenquote kennen (also wie viel von der eingezahlten Prämie an Kosten abgezogen wird, bevor das Geld veranlagt wird, Anm.). Mit diesem Wert könnten die Anleger klar eruieren, wie hoch die Kosten der jeweiligen Versicherungsgesellschaften sind. Schlussendlich muss aber nicht jene Versicherung die beste sein, die die niedrigsten Kosten verrechnet. Es kommt natürlich auch wesentlich auf das Veranlagungsergebnis nach 20, 30 Jahren an.

DiePresse

Warum weisen die Versicherungen bei den Lebensversicherungen nicht transparent aus, wie viel sie an Kosten verrechnen?

Mittendorfer: Ich glaube, dass die Versicherungen wie auch alle anderen Unternehmungen nicht freiwillig Einblick in ihre Kosten- und Kalkulationsstrukturen geben.

 

Aus diesem Grund landen regelmäßig Fälle bei der Arbeiterkammer, wo Kunden mehr in die Polizze eingezahlt als schlussendlich (auch nominell) herausbekommen haben.

Mittendorfer: Solche Fälle sind sehr selten und damit zu erklären, dass manchmal sehr viele Risken in den Vertrag eingebaut werden, also eine Versicherung gegen Unfall, Tod, Invalidität, Krankheit und so weiter. Von der Prämie fallen in solchen Fällen derart viele Kosten weg, dass die Garantieverzinsung und die Gewinnbeteiligung (aus diesen beiden Komponenten ergibt sich der Ertrag für Anleger, Anm.)das nicht kompensieren können. Bei einer durchschnittlichen Er- und Ablebensversicherung tritt dieser Fall aber nicht ein.

Die Versicherungen bekommen ein neues Regelwerk auferlegt, das sie zu einer risikoärmeren Veranlagung zwingt. Sie werden mehr von sicheren und daher renditeschwächeren Anleihen abhängig. Nach allen Maßnahmen der Notenbanken droht aber in naher Zukunft eine große Inflationswelle. Somit muss man bei einer Lebensversicherung künftig einen (noch stärkeren) Kaufkraftverlust befürchten.

Mittendorfer: Der Kunde muss sich bei seiner Veranlagung entscheiden, ob er mit einer normalen Inflation, einer hohen Inflation oder einer Deflation rechnet. Erst dann kann man sich mit der Veranlagungsform beschäftigen. Wenn man eine hohe Inflation erwartet, ist die klassische Lebensversicherung nicht zu empfehlen, dann sind fondsgebundene Lösung besser. In Zeiten hoher Inflation schneiden Produkte mit einem hohen Anleihenanteil nicht gut ab.

Was empfehlen Sie, um möglichst kostengünstig eine Lebensversicherung zu kaufen?

Mittendorfer: In der Regel sind kombinierte Er- und Ablebensversicherungen teurer, da in diesen Produkten oft unnötige Versicherungen für diverse Risiken verpackt werden. Man sollte die Erlebensversicherung und die Ablebensversicherung am besten getrennt kaufen und Kostenvergleiche von unabhängigen Maklern einholen.

Auf einen Blick

Rudolf Mittendorfer ist Obmann der Wiener Versicherungsmakler und Chef der Wiener Vermögensberatungsfirma Verag. Im Interview mit der „Presse“ verteidigt er die Lebensversicherungen, die zuletzt stark in Kritik gerieten. [Verag]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2010)