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Transport

„Selbst das Chartern ganzer Schiffe ist Option“

Enorm gestiegene Frachtraten, knappe Logistikflächen, ein Mangel an Lkw-Fahrern – die Branche ist gefordert wie nie zuvor.

Die wahren Abenteuer – es gibt sie nicht mehr: 11.000 Kilometer mit dem Lkw durch China, Kasachstan, Russland, Weißrussland, Polen bis nach Österreich. In der Zeit vor Corona waren solche Fahrten die große Ausnahme und ein echtes Erlebnis für Fahrer und Auftraggeber. Mittlerweile werden sie (fast) zur Routine. Immer mehr europäische Speditionen bieten solche Transporte an. Rund 14 Tage dauert die Fahrt. Das ist zwar etwas länger als mit der Bahn, aber die kürzere Vorlaufzeit macht die Transporte insgesamt schneller, meint man etwa bei der Luxemburger Spedition Logwin.

Grund für diese Art des Lkw-Fernverkehrs ist, dass die Frachtkapazitäten auf den anderen Wegen – Schiff, Bahn, Flugzeug – derzeit knapp und mitunter extrem teuer sind. Um bis zu 300 Prozent mehr als im Vorjahr wird heute für Seetransporte von Asien nach Europa verlangt. „Wir sind Schwankungen der Frachtraten gewöhnt, aber das ist eine gigantische Steigerung und eine große Herausforderung für die Logistiker“, sagt Oliver Wagner, Geschäftsführer des Zentralverbands Spedition & Logistik. Verantwortlich dafür seien sicherlich zeitweilig gesperrte Häfen in China, eine massive internationale Fehlverteilung von Containern sowie der gestiegene Transportbedarf aufgrund der wieder anspringenden Konjunktur, meint Wagner. Gleichzeitig nimmt er aber auch die Reedereien an die Kandare: „Wir sind schon der Meinung, dass manche hier schnell das große Geld machen wollen“, vermutet er.

 

Improvisieren gefragt

Betroffen von den Schwierigkeiten sind Unternehmer aller Branchen. Selbst der Möbelriese Ikea kämpft rund um den Globus mit Problemen: „Es ist eine riesige Herausforderung, Waren aus Asien hierher zu transportieren, ebenso ist es für die Kollegen in den USA schwierig, unsere Waren aus Europa zu erhalten“, erzählt Tobias Samlad, verantwortlich für die Supply Chain von Ikea Österreich. Ikea hat mittlerweile eigene Container angeschafft und eine Reihe anderer Maßnahmen getroffen: „Selbst das Chartern ganzer Schiffe ist eine Option“, berichtet Samlad. Das Möbelhaus nützt selbst ungewöhnliche Routen – so werden mitunter Sendungen aus Asien per Schiff nach Osteuropa und von dort nach Österreich ge-bracht: „Wir agieren in diesem komplexen System sehr flexibel. Entscheidend ist, dass die Ware zeitgerecht ankommt“, betont der Manager. Bezahlt mache sich in dieser Situation die langfristige und gute Kooperation mit allen Vertragspartnern entlang der Supply Chain. Zusätzlich habe man das Angebot abgespeckt: „Ikea hat sich entschieden, die für unsere Kunden relevanteste Range zu priorisieren und dafür die Transportkapazitäten vorrangig zu nützen.“ Die Maßnahmen hätten gefruchtet, meint Samlad, „aber wir rechnen bis August nächsten Jahres mit Einschränkungen“.

 

Lagerflächen werden knapp

Auch Wagner erwartet keine kurzfristige Entspannung. Für die Speditionen stelle sich die Herausforderung, ihren Kunden trotz der schwierigen Situation einen möglichst reibungslosen Ablauf zu sichern. „Das funktioniert aufgrund der Erfahrung der Unternehmen in weiten Bereichen“, weiß Wagner. Darüber hinaus sei es aber erforderlich, die Supply Chains stabiler zu gestalten. Langfristig seien dazu auch Maßnahmen bei der Infrastruktur erforderlich, sagt der Branchensprecher. „Wir müssen etwa die Lager in Europa vergrößern, dazu bedarf es entsprechend gewidmeter Flächen.“

Logistikberater Gerald Gregori sieht ebenfalls bis auf das Letzte ausgereizte Lieferketten als eine wesentliche Ursache für die oft problematischen Auswirkungen der aktuellen Transportprobleme auf die europäische Wirtschaft. „Die Lieferungen erfolgten in einem ausgeklügelten Taktsystem direkt ans Band, in diesem feinmaschigen Netz führen selbst kleine Erschütterungen zu großen Katastrophen.“ Als weiteren Grund für die derzeitigen Schwierigkeiten nennt er den für stark fragmentierte Supply Chains typischen Bull-whip-Effekt: „Gibt es Unsicherheit entlang aller Stufen, versucht jeder seine Bestände aufzustocken, und damit steigen diese im System insgesamt.“ Das zeige sich an der derzeitigen Knappheit der Lagerflächen.

Letztlich spiele die Psychologie eine Rolle, meint Gregori: „Natürlich nützt jeder die prekäre Situation, um die Preise hochzufahren.“ Zu den globalen Problemen kommt noch ein europäisches: der Mangel an Lkw-Lenkern. Laut Schätzung der Wirtschaftskammer (WKO) fehlen allein in Österreich bis zu 8000 Fahrer. „Das ist ein großes Thema, der Beruf muss wieder attraktiver gemacht werden, denn der Löwenanteil der Güter wird nach wie vor auf der Straße transportiert werden“, betont Wagner.

ANHALTENDE PROBLEME

Das Versandunternehmen UPS rechnet auch im kommenden Jahr mit Problemen in den Lieferketten. „Ich sage den Leuten halb im Scherz, dass sie ihre Weihnachtsgeschenke jetzt bestellen sollen. Sonst gibt es an Weihnachten vielleicht nur ein Bild von etwas, das bis Februar oder März nicht ankommt“, sagte der für das internationale Geschäft zuständige UPS-Manager, Scott Price, der Nachrichtenagentur AFP. Man gehe jedoch nicht davon aus, dass die Störungen zu einem weiteren massiven Anstieg der Transportkosten führen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2021)