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Kriminalroman

Die vielen Facetten der Schuld

Das Cover von "Ritchie Girl".
Das Cover von "Ritchie Girl".(c) Suhrkamp Verlag
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Der Krimi-Autor Andreas Pflüger siedelt seinen jüngsten, fast philosophischen Spannungsroman "Ritchie Girl" in Deutschland zur Zeit der Nürnberger Prozesse an.

Paula Bloom kann tippen, übersetzen und riechen, ob jemand die Wahrheit sagt. Paula Bloom ist jung und voller Wut und Hass. Ihre deutsche Mutter starb, als Paula drei war; ihr amerikanischstämmiger Vater wurde von zwei betrunkenen SA-Männern in Berlin zu Tode geprügelt. Paula floh daraufhin in die USA, wo sie sich gemeinsam mit 800 Amerikanerinnen 1942 freiwillig zur Armee meldete, zum Women's Army Corps. Drei Jahre später wird sie nach Frankfurt geschickt. Ihre Mission: Sie soll herausfinden, ob Johann Kupfer der deutsche Superspion ist, für den er sich ausgibt, und somit von Wert für die USA oder ob er an die Russen ausgeliefert und damit sein Tod besiegelt wird. Kupfer hat einen Trumpf in der Hand: Er weiß offenbar etwas über Paulas verschollene Jugendliebe Georg.

Der deutsche Krimi-Autor Andreas Pflüger wagt sich in seinem neuen Spannungsroman "Ritchie Girl" an die vielen Facetten von Schuld, die sich rund um den Zweiten Weltkrieg und den Massenmord an den Juden auftürmen. Dafür wählt er den Zeitpunkt, an dem die Urteile in den Nürnberger Prozessen ergangen sind und die Hinrichtungen vollstreckt werden. Pflüger seziert das Mitläufertum ebenso wie die vielen Spielarten der Grausamkeit, zu denen die Männer und Frauen an den Schaltstellen des Dritten Reichs fähig waren: "Ich dachte, es wäre zu simpel, sich Eichmann als Bestie vorzustellen, oder Höß, Mengele, Rauff. Historiker werden sich daran abarbeiten, Philosophen, Dichter. Man wird kluge Dinge darüber schreiben, aber die einfachste Erklärung wird womöglich keinem in den Sinn kommen: dass es Männer waren, die den Geruch von brennendem Fleisch liebten."

Autor Andreas Pflüger.
Autor Andreas Pflüger.



Daneben aber holt Pflüger auch Figuren wie den Amerikaner Allen Welsh Dulles vor den Vorhang, Anwalt und späterer CIA-Chef, der alle und alles auf den Vorteil hin prüfte, den es ihm, seinen Klienten und den USA bringen könnte. Solange es opportun schien, arbeiteten Männer wie Dulles mit deutschen Konglomeraten zusammen, später rekrutierten sie ehemalige Nazis. Frei nach dem Grundsatz: Erst kommt das wirtschaftliche Interesse, dann kommt die Moral. Paula, die voller Verachtung für alle diese Machenschaften ist, muss bald erkennen, dass auch ihr heißgeliebter Vater nicht frei von Schuld war. Und auch sie selbst es nicht ist.

"Ritchie Girl" ist beileibe kein rasanter Roman. Andreas Pflüger lässt sich Zeit, um alle Figuren in Stellung zu bringen und ihre Komplexität Schicht für Schicht freizulegen. Gleichzeitig ist das Buch ein Fundus an historischen Fakten und Personen. Pflüger hat akribisch recherchiert, gibt aber zu, sich gewisse belletristische Freiheiten genommen zu haben, etwa, wenn von Klop Ustinov berichtet wird, dem "Secret-Service-Mann mit dem merkwürdigen Namen": "Ustinov soll russisch-deutsch-äthiopische Wurzeln haben. Sein Sohn ist ein erfolgloser Schauspieler." Oder von Graham, dem Schriftsteller, der einen Vorschuss für einen Roman über Wien erhalten hat, aber noch keine Idee, worum es gehen soll: "Wir hatten in Wien mit Penicillin-Schmugglern zu tun", sagt Paula. "Ich habe Graham davon erzählt; die Idee hat ihm gefallen."

Die Tatsache, dass Pflüger seine Charaktere, allen voran Paula und ihren Kollegen und Freund Sam, sich in schlagfertigen Dialogen voller Galgenhumor verbal duellieren lässt, kann dem Buch nichts von seinem todtraurigen Ton nehmen. "Ritchie Girl" ist keine leichte Kost. Und eine Erinnerung, dass zwar vielleicht nur wenige Menschen wirklich böse sind, sich viele aber schwer damit tun, gut zu sein.

(c) Suhrkamp Verlag



Andreas Pflüger: „Ritchie Girl“, Suhrkamp-Verlag, 462 Seiten, 24,70 Euro