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Film

Ein Monsterparasit ist ein schwieriger Partner

Venom 2
Ein neues Parasiten-Ungetüm, das für eindrucksvolle Bilder gut ist: Das Tentakelmonster Carnage.Sony Pictures
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Die Fortsetzung des Kino-Hits „Venom“ über einen Alien, der sich im Körper eines Menschen einnistet, ist als Film ein Totalschaden, als Stückwerk aber genießbar.

Menschenhirn und Schokolade, das ist die bevorzugte Diät von Venom. Der außerirdische Parasit, der bereits im gleichnamigen Film aus 2018 im Investigativ-Reporter Eddie Brooks (Tom Hardy) den idealen Wirtskörper gefunden hat, muss zumindest auf Ersteres zumeist verzichten. Stattdessen soll er sich auf Geheiß seines menschlichen Partners an Lebendhühnern laben, was aufgrund deren mickriger Zerebra verständlicherweise nur ein untauglicher Ersatz ist. Es sind Beziehungskrisen wie diese, die nun das dramaturgische Fleisch des Fortsetzungsfilms „Venom: Let There Be Carnage“ (jetzt im Kino) ausmachen.

Überhaupt schickt sich dieser – mit etwa neunzig Minuten Laufzeit erstaunlich flinke – Spektakelfilm an, zwischen all dem computergenerierten Bombast eine Lanze zu brechen für beschädigte Liebschaften. Nachdem Eddie und Venom nach einem Streit getrennte Wege gehen, schwingt das Alien auf einer Halloween-Feier eine flammende Rede auf Außenseiter, beschwört seinen Freak-Status und erntet damit frenetischen Applaus sowie Tränen der Rührung. Es ist ein kodifiziertes Spiel mit der Woke-Kultur, das Regisseur Andy Serkis hier treibt – und wäre die skurrile Alien-Mensch-Beziehungskiste zuvor integrer und zielgerichteter entwickelt worden, hätte das ein durchaus schöner Moment werden können.

Unendlich anmutendes Gedöns

Der zweite „Venom“-Film ist aber erstaunlich unfokussiert. Das Drehbuch der britischen Autorin Kelly Marcel, die unlängst mit „Cruella“ eine weitere legendäre Schurkenfigur vermenschlichte, will nebst der nur teilweise amüsanten Scharmützel zwischen Venom und Eddie auch dessen Ex Anne (unterbeschäftigt: Michelle Williams) etwas zu tun geben. Diese darf von Venoms neuer Nemesis bedroht werden: Carnage (auf Deutsch: Blutbad, Massaker) erwacht, nachdem der in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartende Serienmörder Cletus Kasady (gut aufgelegt: Woody Harrelson) Eddie in die Hand beißt und damit ein paar Tropfen Parasiten-Blut in seinen Körper gelangen.

Es folgt ein spektakulärer Ausbruch und die Wiedervereinigung mit seiner ebenfalls weggesperrten Sandkasten-Liebe Frances, deren Hyperschall-Geschrei die Leinwand zum Vibrieren bringt. Und das Zeug hat, Venom letztgültig zu zerstören. Die finale Konfrontation in einer Kathedrale offeriert einige anständige digitale Settings und findet mit dem rot-ölig schimmernden Carnage, der sich mitsamt seiner vielen Tentakel vor einem sakralen Kirchenfenster aufbaut, zu einem eindrucksvollen Bild.

Der Rest ist unendlich anmutendes Gedöns, ein weiterer Tiefpunkt des „Mehr ist Mehr“-Mantras der Digital-Actionzunft. „Venom: Let There Be Carnage“ ist als Film ein Totalschaden, als Stückwerk aber durchaus genießbar. Tom Hardy, der auch an der Geschichte mitgeschrieben hat, schöpft als Eddie Brooks sein unterschätztes komödiantisches Potenzial weidlich aus, auch wenn es diesmal weniger körperlich und slapstickhaft in Szene gesetzt wird als im ersten Film. Woody Harrelson gibt einen famosen Gegenspieler mit vorschnellendem Kinn und fahrigen Augen ab, auch wenn er genau genommen bloß seine ikonische Serienmörder-Rolle in Oliver Stones Skandalfilm „Natural Born Killers“ zweitverwertet.

Rein kommerziell betrachtet ist der Film schon jetzt ein großer Erfolg, jedenfalls gemessen an den pandemiebedingt gesenkten Erwartungen, womit einer weiteren Fortsetzung wohl nichts mehr im Weg stehen dürfte. Es scheint selbstverständlich, dass der Parasit irgendwann auch auf seinen Erzfeind Spider-Man treffen wird. Dieser ist in der Coda des aktuellen Films kurz als Standbild im Fernsehen zu sehen, woraufhin Venoms überlange, schleimige Zunge begierig über den Bildschirm leckt. Freund? Feind? Liebhaber? Alles scheint möglich.


[RWA5W]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2021)