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Mach dir eine Freude und schenk dir Blumen

Wenn die Blumen kommen, ist die Show vorbeiimago images/Bildgehege
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Ein schöner Strauß soll nicht Eindruck schinden, sondern ein wenig Seele haben.

 

Zum Abschied hat Angela Merkel Blumen bekommen. Der Blumenstrauß wirkte seltsam seelenlos, wie so oft, wenn er teuer und eindrucksvoll aussehen soll. Nach dem Motto: Dann geben Sie bitte noch so eine große Dingsda dazu! Wenn bei der Zusammenstellung eines Straußes vor allem darauf geachtet wird, dass er imposant sein muss, wird man weder der Beschenkten noch den Blumen gerecht.

Viele alte Gepflogenheiten haben mittlerweile ausgedient, aber die Regel „Die Dame auf der Bühne bekommt Blumen“ wird immer noch eisern eingehalten. Ob bei Samstagabend-Shows oder bei öffentlichen Diskussionen und Preisverleihungen, am Ende eilt jemand beflissen auf die Bühne und überreicht den weiblichen Teilnehmern einen überdimensionierten Strauß.

Im Leben abseits der Bühne werden wiederum viel zu selten Blumen geschenkt. Bei der guten alten Abendeinladung vielleicht oder zum Geburtstag, sonst sind die Gelegenheiten eher rar. Dies bestätigt auch eine schnelle Umfrage im Freundeskreis. Im Blumengeschäft ist allerdings immer sehr viel los. Die meisten kauften Blumen für den Eigengebrauch, erzählt die Verkäuferin, man macht sich also einfach selbst eine Freude. Was für eine Erleichterung für alle Seiten: So ist niemand enttäuscht von scheinbar mangelnder Aufmerksamkeit oder überfordert mit Erwartungen, die schwer nachvollziehbar sind, wenn man das Bedürfnis selbst nicht kennt.

Übrigens sind Blumengeschäfte geöffnet (für Abholung), wer sagte denn, man hätte nichts aus der Vergangenheit gelernt. Beim Anblick eines alten Herrn, der einen Adventkranz in der Hand trägt wie ein Heiligtum, sticht einem gleich das Herz. Dabei ist er vielleicht gar nicht einsam und krank, nur schlecht bei Fuß und sonst o. k. Es ist gut, an Ritualen festzuhalten. Sich auf Weihnachten zu freuen. Von Lockdown zu Lockdown wird man rührseliger. Andere wütender. Sie sollten sich auch ein paar Blumen gönnen.

 


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2021)