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Serie "The Witcher"

Fantasy für Krisenzeiten: Heldenhafte Hexer retten die Welt

The Witcher
Fast wie Vater und Tochter: „Witcher“ Geralt (Henry Cavill) und sein Mündel Ciri (Freya Allan).Netflix/Katalin Vermes
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Der neuen Staffel der Netflix-Serie „The Witcher“ merkt man das gestiegene Budget an. Besonders beeindrucken Monster aus slawischen Legenden.

Vor gut zwei Jahrzehnten sorgten die jeweils ersten Kapitel von Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Adaption und von „Harry Potter“ für eine Renaissance des Fantasy-Kinos. Viele zeitgenössische Kommentatoren wähnten eine Ursache dafür in der gesellschaftlichen Verunsicherung nach 9/11, die zu einer kollektiven Weltflucht-Sehnsucht geführt hätten. Nimmt man diesen etwas zu küchentischpsychologischen Erklärungsansatz auf, dann erscheint es fast zwingend, dass in der gegenwärtigen pandemischen Situation erneut Fantasy-Erzählungen den Ton angeben. Ausgangspunkt für die Reisen in imaginäre Reiche ist heute freilich nicht mehr der Kinosessel, sondern die Wohnzimmer-Couch.

Ende 2021 meldete Amazon gewaltige Zugriffszahlen auf seine gelungene Adaption von Robert Jordans Mammut-Romanreihe „Das Rad der Zeit“, derzeit buhlt die zweite Staffel der Netflix-Serie „The Witcher“ um die Zuschauergunst. Der titelgebende Hexer Geralt von Riva (ideal besetzt: „Superman“ Henry Cavill) durchwandert darin als wortkarger, gutherziger Grantscherb'n, eindeutig angelehnt an die Söldner-artigen Antihelden vieler Italowestern, monsterjagend einen nicht näher benannten Kontinent, dessen diverse Rassen und Völker gerade einem gewaltigen Krieg entgegen vibrieren.

An der Seite des weißhaarigen Schwertkämpfers mit Porzellan-Teint steht sein blondes Mündel Ciri (läuft in Staffel zwei zur Hochform auf: Freya Allan), Prinzessin des von Aggressoren überfallenen und eingenommenen Königreichs Cintra. Sie ist, wie so vieles an diesem Stoff, klassisches Fantasy-Material: Erst ihre Entwurzelung bringt sie auf jene Heldenreise, auf der sie ihr komplettes Potenzial erkennen und verwirklichen wird und das wird entscheiden, ob die Welt gerettet oder ausgelöscht wird.

Eine polnische Saga aus den 90ern

„The Witcher“ basiert auf Andrzej Sapkowskis fünfteiliger Hexer-Saga aus den Neunzigern, die in dessen Heimatland Polen gefeiertes Popkulturgut ist und dort bereits für Kino, TV und als international erfolgreiche Videospiel-Reihe adaptiert wurde. War die erste Staffel der Netflix-Serie noch überambitioniert im parallelen Erzählen der Zeitlinien diverser Figuren und darob einigermaßen verwirrend, setzt Showrunnerin Lauren Schmidt Hissrich in der Fortsetzung auf ein eindeutiges emotionales und narratives Zentrum. Zu Geralt und Ciri, deren Vater-Tochter-artige Beziehung auch für willkommene humorige Einschübe sorgt, stößt Yennefer von Vengerberg (Anya Chalotra), die von einer buckligen Bauerntochter zur mächtigen Zauberin avanciert ist, nur um nach magischer Überanstrengung all ihre Fähigkeiten wieder einzubüßen.

Daneben sorgen episodenweise eingestreute Nebenfiguren wie der zu dramatischen Überhöhungen neigende Barde Rittersporn (herausragend: Joey Batey) für eine Auflockerung der bisweilen arg schicksalsschwangeren und dunkelmunkelnden Haupterzählung. „The Witcher“ fetzt nicht zuletzt, weil Hexer Geralt nebst beherzter Weltrettung auch seiner eigentlichen Beschäftigung, der Monsterjagd, nachgeht: Kreaturen aus slawischen Legenden wie das verholzte Waldungeheuer Leshy oder die an Baba Yaga angelehnte Dämonin Voleth Meir und gewöhnlicheres Fantasy-Gekreuch wie Basilisken sind famos entworfen und zum Leben erweckt worden.

Neue Fantasy auch von HBO, Amazon

Überhaupt merkt man der zweiten Staffel das deutlich gestiegene Budget an: Mit kolportierten 25 Millionen Dollar pro Episode möchte Netflix mit seinem Fantasy-Epos, das noch heuer um eine Spin-Off-Serie namens „Blood Origin“ erweitert wird, offensichtlich der Konkurrenz den Wind aus den Segeln nehmen. HBO setzt große Hoffnungen in das „Game Of Thrones“-Prequel „House Of The Dragon“, Amazon hat die fünf Staffeln seiner „Herr der Ringe“-Serie mit mindestens einer Milliarde Dollar budgetiert. Beide sollen noch heuer vom Stapel laufen. Der Weltflucht steht somit nichts mehr im Weg.


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