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Morgenglosse

Erdogans Chemtrail-Ökonomie

ALBANIA-TURKEY-POLITICS-DIPLOMACY
Der türkische Präsident Erdogan will eines der Grundgesetze der Volkswirtschaft ändern.APA/AFP/GENT SHKULLAKU
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Der türkische Präsident heizt mit seiner alternativen Zins-Theorie die wirtschaftlichen Probleme der Türkei gefährlich an. Wer auch nur die Realität beim Namen nennt, riskiert dabei seinen Job - wie jüngst der Chef der Statistikbehörde.

Volkswirtschaft ist, anders als beispielsweise Physik oder Chemie, keine Naturwissenschaft. So lässt sich etwa der nach wie vor andauernde Gedankenstreit zwischen Anhängern des britischen Ökonomen John Maynard Keynes (Keynesianer) und seines österreichischen Pendants Friedrich August von Hajek (Liberale) vor allem auf einen unterschiedlichen ideologischen Zugang zum Zusammenspiel von Staat und Unternehmen zurückführen. Dennoch gibt es ein paar Grundgesetze, die - vergleichbar mit der naturwissenschaftlichen Schwerkraft - einfach so funktionieren und von allen Ökonomen als gegeben angesehen werden.

Eines davon ist das Zusammenspiel von Zinsen und Inflation. Ist letztere zu hoch, müssen die Zinsen angehoben werden. Das senkt die Kreditvergabe, weshalb auch die umlaufende Geldmenge zurückgeht. Diese Verknappung sorgt für einen steigenden „Preis“ des Geldes - also eine geringere Inflation. Werden die Zinsen hingegen gesenkt, passiert genau das Gegenteil. Mehr Kredite werden vergeben und die Geldmenge erhöht sich. Da diese höhere Geldmenge nicht auf ein im gleichen Ausmaß erhöhtes Angebot an Gütern trifft, sinkt der „Preis“ des Geldes. Die Inflation wird also höher.

Weltweit gibt es regelmäßig Streit unter Ökonomen, Zentralbankern und Wirtschaftspolitikern darüber, wann der richtige Zeitpunkt ist, die Zinsen zu heben oder zu senken. Bei der grundsätzlichen Maßnahme herrscht aber Einigkeit. Anders die Situation in der Türkei. Dort ist Präsident Recep Tayyip Erdogan der Ansicht, dass in Wirklichkeit hohe Zinsen die Inflation antreiben. Alles andere sei nur eine „kapitalistische Logik des Westens“. Deshalb zwingt er die offiziell unabhängige türkische Zentralbank schon seit Monaten, trotz einer zunehmend aus dem Ruder laufenden Teuerung, die Zinsen zu senken.

Das Ergebnis: Die Inflation steigt - und das immer schneller. Laut Statistik-Behörde gab es im Dezember einen Preisanstieg um 36 Prozent. Der höchste Anstieg seit 19 Jahren. Diese Nachricht hatte in Ankara jedoch nur eine Reaktion zur Folge. Der Chef der Statistik-Behörde verlor nun seinen Job. 

Erdogans Verhalten erinnert dabei immer mehr an jene Anhänger von „alternativen Fakten“, die in den vergangenen Jahren lauter geworden sind. Die beispielsweise nicht hinnehmen wollen, dass heiße Flugzeugturbinen bei minus 40 Grad Außentemperatur in 10.000 Meter Höhe einfach Kondensstreifen erzeugen und daher abstruse Theorien (Chemtrails) vertreten. Das schockierende dabei ist jedoch, dass er damit die Volkswirtschaft eines 85-Millionen-Einwohner-Landes in Geiselhaft nimmt.