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Lagermanagement

Das ungehobene Potenzial von Big Data

Innovative IT-Lösungen in Kombination mit der Automatisierung manueller Tätigkeiten sind das Geheimnis eines erfolgreichen Lagermanagements.
Innovative IT-Lösungen in Kombination mit der Automatisierung manueller Tätigkeiten sind das Geheimnis eines erfolgreichen Lagermanagements.[ Knapp AG ]
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Die Coronakrise hat die Abläufe in vielen Unternehmen über den Haufen geworfen. Statt des Eichhörnchen-Prinzips empfehlen Experten, Lagerbestände auf Basis genauer Analysen zu optimieren.

Für Logistiker waren die vergangenen zwei Jahre herausfordernd: Corona, Ever Given und andere Einflüsse haben die Supply Chains vieler Unternehmer empfindlich gestört. Mit Just-in-time-Lieferungen war es vorbei. Bei vielen schlägt das Pendel jetzt in die andere Richtung. Das Eichhörnchen-Prinzip wird zum Vorbild: So viel auf Lager legen, wie nur geht. Eine völlig falsche Reaktion, meint Franz Staberhofer, Professor für Logistik-Management an der FH Steyr: „Das Eichhörnchen-Prinzip klappt fürs Eichhörnchen, weil es nur Nüsse einlagert, aber nicht für Betriebe, die Hunderte oder Tausende unterschiedliche Teile la-gern.“ Staberhofer rät zu anderen Strategien. „Die Wiederbeschaffungszeit hat sich geändert, aber das Grundprinzip effizienter Lagerhaltung gilt nach wie vor.“ Er empfiehlt, sich methodisch mit den Herausforderungen auseinanderzusetzen: Vorausschauender Umgang mit der Volatilität der Lieferungen und Einsatz von KI, um in der Supply Chain bis zum Kundenverhalten Muster zu erkennen und damit gezielt in die Zukunft zu schauen. So lasse sich das Lager auf einem optimalen Stand halten.

Daten als Grundlage der Lagerhaltung

Sich intensiver mit den vorhandenen Daten von der Supply Chain über das Lager bis zum Verkauf auseinanderzusetzen ist auch für Martin Riester eine Lehre aus den vergangenen zwei Jahren. Um sowohl Lieferengpässe als auch zu hohe Lagerbestände zu vermeiden, reiche die gute alte Tabellenkalkulation nicht mehr aus. „Für die Optimierung von Lagerbeständen haben wir Tools entwickelt, die relevante Daten aus allen Unternehmensbereichen zusammenführen“, berichtet Riester, der bei Fraunhofer Austria Research den Bereich Logistiksysteme und Transport leitet.

Aus oft Millionen von im Unternehmen ohnehin vorhandenen Daten werden mit diesen Technologien Dispositionsparameter für die Lagerhaltung der einzelnen Produkte errechnet. Berücksichtigung finden Parameter, die bisher kaum oder überhaupt nicht für die Lagerlogistik genutzt wurden. Als Beispiel nennt er genaue Analysen des Kundenverhaltens mithilfe von Algorithmen und KI, um möglichst exakt zu eruieren, was wann unter welchen Umständen gekauft wurde, und darauf die Lagerhaltung abzustimmen.

Der Aufwand lohnt sich. Bei einem Traktorenhersteller konnte durch optimiertes Lagermanagement auf dieser Basis der Bestand an Teilen wesentlich reduziert, die Lieferfähigkeit deutlich verbessert werden. Um saisonale Verläufe richtig abzubilden, spiele zudem ein ausreichend großer Zeitraum eine Rolle, betont Riester. So wurden für die Lagerhaltung einer Supermarktkette 85 Millionen Buchungszeilen aus 90 Wochen analysiert. Big Data brachte hier ebenfalls deutliche Verbesserungen in der Lagerhaltung.

Flexibler durch KI

Auch bei einer anderen aktuellen Herausforderung der Lagerlogistik kann die Analyse großer Datenmengen entscheidende Verbesserungen bringen: dem Fachkräftemangel. „Bei der Kommissionierung arbeiten wir beispielsweise daran, die Zahl der freigegebenen Aufträge zu optimieren“, berichtet Riester. Ein selbstlernendes System soll aktuell errechnen, wie viele jeweils freigegebene Aufträge die effizienteste Abwicklung ermöglichen. Ein weiteres Thema für den Einsatz von KI ist die Lagerlegung. „Natürlich kann man einfach nach Zahlen aus den Aufträgen die Anordnung der Produkte im Lager festlegen“, meint der Experte. Werden aber längere Zeiträume simuliert, lassen sich oft neue Erkenntnisse gewinnen und umsetzen.

Dass durch die Veränderungen der letzten Jahre clevere IT-Lösungen für das Lager zu einem noch wichtigeren Thema wurden, meint auch Swen Weidenhammer von TUP, einer Karlsruher „Manufaktur“ für Lagerverwaltungssoftware. „Die Pandemie hat vielen Unternehmen die Auswirkungen von Problemen mit der Supply Chain aufgezeigt und bewusst gemacht, dass optimales Lagerma-nagement ein wesentlicher Vorteil gegenüber dem Wettbewerb sein kann.“ TUP registriert einen deutlichen Trend zu individualisierten und vor allem flexiblen Lösungen.

Letztere spielen letztlich beim Einstieg ins E-Commerce-Geschäft eine große Rolle. Viele Unternehmen haben während des Lockdowns angesichts geschlossener Filialen damit begonnen, Endverbraucher direkt zu beliefern. Die damit verbundenen Herausforderungen für die Lagerlogistik waren für eine Reihe von ihnen Anlass, das neue E-Commerce-Geschäft auszulagern. Das sei sehr kurzfristig gedacht, argumentiert hingegen Weidenhammer: „Eigentlich bedarf es lediglich flexibler Software-Lösungen, um E-Commerce und Filial-Belieferung in einem Lager optimal abzuwickeln.“ Herausforderungen wie die Automatisierung manueller Tätigkeiten durch den Einsatz von Lagertechniken und Robotern sollen seiner Meinung nach penibel geprüft werden. In den vergangenen Jahren bewiesen vor allem im E-Commerce erfolgreiche Unternehmen, dass eine Unterstützung manueller Prozesse durch clevere IT-Lösungen Wettbewerbsvorteile bringen kann.

Logistik-Professor Staberhofer hat noch einen anderen Rat, um effiziente Lagerhaltung und Versorgungssicherheit auf einen Nenner zu bringen. Eine wesentliche Ursache, weshalb die Automobilindustrie unter Chip-Mangel leidet, ist seiner Meinung nach unfaires Verhalten gegenüber den Lieferanten: „Dort müsste sich die Kultur ändern, ein partnerschaftliches Verhältnis gegenüber den Lieferanten entstehen, dann tritt das Thema große Vorratshaltung in den Hintergrund.“

Seminar

Über neue Methoden und Instrumente für ein zeitgemäßes Lagermanagement informiert ein Seminar, das vom 4. bis 6. April 2022 im Arcotel Donauzentrum stattfindet. Erfolgreiche Lagerkonzepte, Prozessanalyse und -optimierung, die richtigen Kennzahlen für wirtschaftlichen Lagerbetrieb, Analysetechniken zur Bestandsoptimierung und natürlich IT im Lager sind Themen der Veranstaltung.
Effizientes Lagermanagement in der Praxis, Veranstalter IMH,

Informationen: www.imh.at ,
+43 1 891 59-0.