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Musikwissenschaft

Tabulaturen des 16. Jahrhunderts – Notizbücher des Lebens

Spielanleitungen der Renaissance für Instrumente enthielten auch Literarisches, Alltagsrelevantes und Grafisches.

Manche Lautentabulaturen aus dem deutschsprachigen Raum erinnern optisch ein wenig an ein Stenogramm – eine Abfolge von Strichen, Punkten, Zahlen und Buchstaben, meistens sogar ohne Notenlinien oder Notenschlüssel. Wie aus diesen Zeichen Musik werden konnte, etwa eine Fantasia für Laute, ein „Studententantz“, ein Madrigal oder ein Gassenhauer, ist für den unbedarften Betrachter ein Rätsel.

Auch in der Musikwissenschaft gibt es nur wenige Experten, die sich auf die Entschlüsselung von Tabulaturen, insbesondere jener ohne Linien, verstehen. „Zahlreiche Musik-Handschriften wurden im 16. Jahrhundert in der sogenannten Deutschen Lautentabulatur verfasst. Sie ist sehr komplex und weist noch nicht die Linien auf, die – wie in den französischen, italienischen oder spanischen Tabulaturschriften – die Saiten der Laute darstellen“, sagt Kateryna Schöning, die sich am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien über dieses Gebiet habilitiert. Im Rahmen eines FWF-Projekts arbeitet sie daran, Tabulaturen des 16. Jahrhunderts aus dem gesamten süddeutschen Raum zu erschließen. Sie untersucht 25 Manuskripte, die in Österreich, Deutschland und der Schweiz, aber auch in Tschechien, Ungarn, Polen und der Ukraine archiviert sind – der Löwenanteil davon für Laute sowie einige Tabulaturen für Orgel.

 

Unterhalten und lehren

Die Aufarbeitung des Materials habe bereits wesentliche Zwischenergebnisse zum schöpferischen Prozess, aber auch zur Weitergabe musikalischen Wissens gebracht. „Ich konnte verfolgen, wie die Schreiber mit Musik gearbeitet haben, das heißt, was sie improvisiert, also nicht notiert haben. Man konnte sehen, wie ein Musikstück auf dem Papier entstand, mit welchen Vorlagen die Schreiber gearbeitet haben und was sie wie geübt haben“, sagt die Wissenschaftlerin.

So umfassend das Projekt allein schon durch die Fülle musikalischen Materials ist – manche Tabulaturen bestehen aus mehreren Bänden –, so besonders wird es durch zusätzliche Aufgabenstellungen. Denn abseits der Musik wurden in Tabulaturen, besonders in der Zeit ab 1550, auch literarische Texte mitaufgenommen: Sentenzen, Sinnsprüche, Priameln, Lehrgedichte, Buchstaben- und Worträtsel, Akrosticha, Schwänke sowie lyrische Dichtung.

Die zahlreichen Quellen lassen sich verfolgen und reichen zurück zu den „Loci communes“ des Sprichwortsammlers und Mediziners Bruno Seidel, dem Schwankbuch „Schimpfexempel“ des Predigers Johannes Pauli oder den Sprüchen von Hans Sachs. „Die Tabulatur war ein Sammelmedium für alles, was die damaligen Schreiber, die meist anonym waren, interessant, praktisch oder diskutabel fanden“, so Schöning. Die Musik sei dabei in allen ihren Formen involviert und buchstäblich „instrumentalisiert“ worden.

Diesem Verhältnis zwischen Musikalischem und Literarischem nachzugehen ist das Hauptziel der Forscherin. „Beispielsweise konnte der Topos ,Gott‘ durch geistliche Intavolierungen, also instrumentale Übertragungen von Psalmen und Kirchenliedern, vermittelt und dem Topos ,Sünde‘ in den Beitexten gegenübergestellt werden.“ Umgekehrt sei es auch möglich gewesen, den Topos „Sünde“ in der Musik auszuarbeiten, vor allem im Tanz, der sich in den Tabulaturen immer wieder als Repräsentant der Narrheit, der „bösen Frauen“ und damit assoziierten „Sünden“ herausstelle, aber auch als Mittel reformatorischen Spotts.

 

Harfen-Tabulatur entdeckt

Wesentlich werden Kateryna Schönings Forschungsergebnisse nicht zuletzt für die musikalische Aufführungspraxis. Zusammen mit dem Institut Schola Cantorum Basiliensis in Basel arbeitet sie derzeit an einem sehr speziellen Projekt. „Infolge meiner Recherchen wurde die im deutschsprachigen Raum bisher einzige Tabulatur für Renaissance-Harfe gefunden und erforscht. Früher hatten wir nur Beschreibungen in den Lehrbüchern des 16. Jahrhunderts, jedoch keine Notationen für dieses Instrument“, sagt Schöning.

Im April soll bei gemeinsamen Studientagen mit der Schola Cantorum erstmals das neu entdeckte Harfenrepertoire zur Aufführung gebracht werden.

LEXIKON

Tabulatur (von ital. „tabulare“, also „tabellarisieren“, „tabellarisch anordnen“) wird in der Musik eine Art der Notation genannt, die mit Buchstaben, Ziffern und Symbolen arbeitet. In Europa kamen Tabulaturen im Spätmittelalter auf und wurden in der Renaissance- und Barockzeit für alle Instrumente verwendet. Die ältesten Tabulaturen auf dem europäischen Kontinent entstammen dem deutschsprachigen Raum. In diese Musik-Handschriften, besonders in der Zeit ab 1550, wurden auch literarische Texte mitaufgenommen.

Heute werden Tabulaturen – etwa für Gitarre oder Akkordeon – als Alternative zur Notenschrift angefertigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2022)