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Psychologie

Kunst als Medizin für Menschen mit Parkinson

Parkinson-Patienten sind trotz ihrer Symptomatik oft künstlerisch aktiv. Die Gründe für dieses Phänomen untersucht die Psychologin Blanca T. M. Spee im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes.

Das vielfach ausgezeichnete Drama „Awakenings“ („Zeit des Erwachens“; 1990) mit Robert De Niro und Robin Williams beruht auf den Einzelfallstudien des Neurologen Oliver Sacks. Der in den 1960er-Jahren spielende Film dreht sich um eine rätselhafte Schlafkrankheit und das Parkinson-Medikament Levodopa, das deren Symptome – sekundären Parkinsonismus – lindert.

„Meistens behandelt man Parkinson nach wie vor mit Levodopa, um den Verlust von Dopamin im Gehirn auszugleichen“, erklärt die Psychologin Blanca T. M. Spee von der Universität Wien. „Die Einnahme ist an genaue Zeiten gebunden und oft muss man bei schlechter Dosierung mit unangenehmen Nebenwirkungen rechnen. Das kann zum Beispiel ein Suchtverhalten oder den Verlust der Impulskontrolle bedeuten.“

Spee arbeitet in Kooperation mit dem niederländischen Universitätsklinikum Radboudumc in Nijmegen an dem transdisziplinären Forschungsprojekt „Unlocking the Muse“. Gemeinsam mit Julia Crone und Projektleiter Matthew Pelowski (Universität Wien) will sie erforschen, warum und unter welchen Bedingungen Parkinson-Patienten künstlerisch aktiv werden. Ziel sei es unter anderen, kunsttherapeutische Maßnahmen ableiten zu können.

 

Malen lindert Symptom

Fallstudien zeigten, dass Parkinson-Patienten auffallend häufig zum Pinsel greifen. Positiver Nebeneffekt davon sei, dass Symptome verringert und das Selbstbewusstsein gesteigert werden könnten, so Spee: „Die veränderten Gehirnaktivitäten geben uns auch Aufschluss über die Neurobiologie von Künstlern ohne Parkinson. Aus den Parkinsonfällen können wir schließen, dass ein komplexes Netzwerk an Gehirnarealen an verschiedene Pfade des dopaminergen Systems gekoppelt ist.“

In den vergangenen zwanzig Jahren gab es zwar viel Forschung in dem Feld, aber „leider sehr unsystematisch, und die Ergebnisse waren schwierig auszuwerten“, sagt Spee. Im Grunde wisse man nicht, ab welchem Zeitpunkt die Kreativität beginne. Standen die Patienten beispielsweise schon unter Medikamenteneinfluss oder nicht? Trat das Interesse am künstlerischen Schaffen vor oder nach der Diagnose ein? Deshalb wolle man spezifische Kontextfaktoren näher beleuchten.

Im Fokus der auf fünf Jahre angelegten Studie steht nicht ausschließlich die Malerei, sondern insgesamt wurden neun Kreativitätsdomänen – darunter Musik, Innenarchitektur und kreatives Kochen – inkludiert. So beobachtete Spee etwa bei einem Filmprojekt des Universitätsspitals Bern („Feeding the Spark“), bei dem sie als Expertin mitgewirkt hat, wie ein Patient beim Erfinden von Pasta-Kreationen zu neuer Lebensqualität gefunden hat.

Das Forschungsteam nutzt für seine Arbeit eine Kohorte mit 850 Parkinson-Patienten aus Österreich und den Niederlanden. Aus vorab geführten Interviews mit ihnen zeichnet sich ab, dass ein Drittel einen positiven Veränderungsprozess in ihrem künstlerischen Schaffen bemerkt, den sie auf ihre Krankheit zurückführen. Ausgehend von den neuen Erkenntnissen könnte in Österreich ein Therapienetzwerk, ähnlich jenem, das in den Niederlanden bereits existiert, aufgebaut werden, hofft Spee. Dabei soll das Angebot über die übliche Physiotherapie hinausgehen und könnte beispielsweise auch Kunsttherapie beinhalten.

LEXIKON

Morbus Parkinson ist die weltweit am stärksten ansteigende neurodegenerative Erkrankung. Sie ist unheilbar und äußert sich in motorischen und nicht motorischen Symptomen. Die Ursache ist ein Absterben von Dopamin (Nervenbotenstoff) produzierenden Zellen im Gehirn. Meist tritt die Erkrankung in der zweiten Lebenshälfte auf. In Österreich sind rund 20.000 Menschen betroffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2022)