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Rendezvous mit Mozarts Gattin

Daniel Wissers neue Prosa seziert die Beziehungskultur der Gegenwart.

Obwohl es noch nie so viele Dating-Portale gab, entstehen der Soziologin Eva Illouz zufolge kaum noch tragfähige Beziehungen. Viele wollen ihre individuelle Freiheit nicht mehr einschränken oder eilen uneinlösbaren romantischen Idealen hinterher. Das Buch zu den diversen amourösen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten unserer Zeit hat nun der 1971 geborene Daniel Wisser unter dem Titel „Die erfundene Frau“ geschrieben.

In seinen furiosen Kurzgeschichten wirft er uns direkt in die immerzu komplizierte Gegenwart seiner Figuren, die sich unversehens mit sämtlichen Überraschungen des Lebens konfrontiert sehen. So verliebt sich eine bislang heterosexuelle Frau unglücklich in ihre neue Nachbarin, eine andere hofft in einem Arbeitskollegen endlich den erwünschten Seelenverwandten zu finden, der sich jedoch schnell als windige Persönlichkeit herausstellt. Anderswo erfindet ein Mann eine Geliebte, um endlich dem Eifersuchtsdrama seiner Gattin ein Ende zu bereiten.

Sieht man ein wenig von den Klischees ab, so zeugen die Miniaturen von profundem schriftstellerischem Handwerk. Sie zeichnen stringente Handlungsstränge und klar umrissene Charaktere aus. In Teilen sind sie sogar subtil miteinander verknüpft – entweder in Form sich lose wiederholender Motive oder durch existenzielle Konstanten im Dasein der Protagonist:innen. Häufig erweisen sie sich als Getriebene ihrer Einsamkeit und flüchten in diverse Imaginationen, um nicht ständig der wenig erfreulichen Realität ausgesetzt zu sein.

Indem Wisser seine Geschichten stets mit einem offenen Ende versieht, hält er dabei zwar eine Spannung offen, sorgt damit aber auch für eine teils unbefriedigende Lektüre. Woran es ihnen mangelt, ist eine Metaebene, die ihnen abseits der Spiegelung von Alltagsmomenten und Ausnahmesituationen zu einem übergeordneten Zusammenhang verhilft. Genauso ernüchternd fällt deren sprachlich unambitionierte Gestaltung aus. Kaum ein Satz bleibt einem im Gedächtnis, kaum ein Bild prägt sich ein.

 

Prosaische Polaroidaufnahmen

Erfrischender muten hingegen jene Erzählungen an, die gerade über die reine Wirklichkeitsdarstellung hinausweisen. Die Rede ist etwa von Geisterbegegnungen. Als eine Protagonistin glaubt, ihren verstorbenen Ehemann zu sehen, gerät ein anderer einige Seiten später über eine wundersame, nächtliche Begegnung mit der verstorbenen Gattin Wolfgang Amadeus Mozarts ins Staunen. Genau mit diesen Widerfahrnissen gelingt es dem Autor, der sich bereits ausgiebig in Romanen wie „Ein weißer Elefant“ (2013) oder „Löwen in der Einöde“ (2017) mit Erschütterungen vermeintlicher Gewissheiten auseinandergesetzt hat, die gesamte Potenz des Literarischen auszuschöpfen.

Statt das Hier und Heute abzubilden, entführt er uns dann in einen anderen Raum, dem noch das Geheimnisvolle innewohnt. Stabilität gewährt er indessen genauso wenig wie das echte Leben. Wissers Werk offenbart daher vor allem prosaische Polaroidaufnahmen, auf denen alles im Fluss zu sein scheint. Bindung gibt sich darauf lediglich noch als Glück des Augenblicks zu erkennen. ■

Daniel Wisser

Die erfundene Frau

Erzählungen. 240 S., geb., € 22,70 (Luchterhand Literaturverlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2022)