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Nachhaltiger Bergbau

Kröten, Käfer und Vögel fühlen sich nun beim Bergbau wohl

Ressourcenverbrauch, Schadstoffemissionen, Raub an der Natur: Der Bergbau steht oft in der Kritik bei Umweltthemen. Best-Practice-Beispiele in Österreich zeigen, wie die schädlichen Folgen des Rohstoff-Abbaus in Zukunft verringert werden können.

Michael Tost räumt gleich mit einem Mythos auf: „Der Bergbau darf nicht die Natur gefährden, nur weil er Arbeitsplätze schafft und Wertschöpfung sichert.“ Der studierte Umwelttechniker mit jahrelanger Erfahrung in internationalen Topkonzernen hat den vor fünf Monaten geschaffenen Lehrstuhl für Nachhaltigen Bergbau an der Montanuniversität Leoben inne. Dass es überhaupt einen solchen Lehrstuhl gibt, ist Beweis für das Umdenken, das sich seit einigen Jahren vollzieht. „Im Sinne einer ,starken Nachhaltigkeit‘ kann man das bisherige Credo, wonach das Kapital Natur mit Human- und Finanzkapital gegengerechnet werden darf, nicht mehr aufrechterhalten“, sagt Tost. Das gilt auch für Österreich, wo der Bergbau nicht nur Tradition hat, sondern immer noch ein Wirtschaftsfaktor ist: Die heimischen Kies- und Schottergruben versorgen die Bauindustrie mit Rohstoffen, die Lagerstätten an Industriemineralien (vorwiegend Magnesit, Talk und Kalk) sind europaweit von Bedeutung.

Beim Abbau von Metallen ist Österreich stark importabhängig, die Wolfram-Mine bei Mittersill (Salzburg) zählt jedoch zu den ertragreichsten weltweit, und die Eisenerzgewinnung am steirischen Erzberg ist der größte Tagbau Mitteleuropas. Die Montanuniversität ist Konsortialführer im EU-Projekt „Sumex“, das neue Standards für einen nachhaltigen Bergbau erstellen will. In einer „Roadmap 2050“ haben die Forschenden wichtige Transformationsschritte formuliert, die der Bergbau vollziehen muss, um neuen ökologischen, aber auch sozialen und ökonomischen Standards gerecht zu werden.

Oberleitungen statt Diesel-Lkw

Eine zentrale Forderung ist jene nach CO2-Neutralität. Da kann Tost auf Best-Practice-Beispiele verweisen: Am Erzberg erhofft man sich durch den im Vorjahr ausgeweiteten Einsatz von elektrischen Oberleitungen eine Verringerung des Dieselverbrauchs der Lkw für den Gesteinstransport um rund zwei Drittel und eine Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen um mehr als 4000 Tonnen pro Jahr. Darüber hinaus könne die Errichtung von Bandförderanlagen oder Seilbahnen, wie zum Beispiel im Diabaswerk Saalfelden, in anderen Bergbauen Transportfahrten per Diesel-Lkw gänzlich ersetzen und bei entsprechender Topografie sogar noch elektrische Energie gewinnen, merkt Tost an.

Ein besonderes Augenmerk habe auch dem Erhalt der Biodiversität zu gelten, heißt es in den Zielsetzungen der „Sumex“-Forscher. In Niederösterreich wurden im Auftrag des „Forum mineralische Rohstoffe“ in den vergangenen sieben Jahren bei 31 Abbau-Standorten neue Lebensräume für bedrohte Tierarten geschaffen, indem Ufer- und Flachwasserzonen gestaltet, Stein- oder Sandhaufen als ungestörte Rückzugsräume stehen gelassen oder Böschungen angelegt wurden. Dort fühlen sich seither Kröten, Echsen, Käfer oder Vögel wohl.

Noch viel Forschungsarbeit ist hingegen nötig, wenn es darum geht, den Wasserverbrauch zu reduzieren und die Wasservorkommen frei von Rückständen aus der Aufbereitung von Abbaumaterial zu halten. Derzeit werden solche Abwässer in Form von Schlamm gelagert. „Hier gilt es, Wege zu finden, um die Trockenlagerung wirtschaftlich sinnvoll zu gestalten“, so Tost. „Technisch möglich sind Prozesse, die ohne Abwässer auskommen, aber die sind teuer.“

Auch die sozialen Folgen abfedern

Nicht zuletzt geht es den Experten um soziale Nachhaltigkeit. „Automatisierung und Digitalisierung werden da große Herausforderungen mit sich bringen“, weiß Tost. „Lkw werden führerlos sein und, so wie es bei einem Bergbau in Australien bereits der Fall ist, aus Tausenden Kilometern Entfernung per Computer gesteuert. Das bringt natürlich eine Steigerung der Effizienz und der Sicherheit, ersetzt aber lokale Arbeitsplätze durch Jobs mit anderen Qualifikationen in den Städten. Man muss Möglichkeiten finden, um die sozialen Folgen abzufedern.“

Eine weitere Herausforderung: Viele Rohstoffe, deren Gewinnung an sich bereits kritisch ist, tragen zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards bei, sind beispielsweise in Handys oder Computern verbaut. Da werde es nicht nur am Bergbau liegen, Lösungen zu finden, sind sich die Experten einig.

IN ZAHLEN

1533 Bergbaustätten gibt es in Österreich, bei 22 erfolgt der Abbau unter Tage. Sie beschäftigen rund 5000 Leute. Die mineralrohstoffverarbeitende Industrie generiert 100 Mrd. Euro jährlich (26 % der heimischen Wirtschaftsleistung). Anteil des Bergbaus: 0,5 %.

60
Rohstoffe sind in einem Handy verbaut, die Hälfte davon Metalle, deren Förderung für die Umwelt problematisch ist. Rund 1280 Liter Wasser werden laut deutschen Experten im Laufe des Produktionsprozesses für die Verarbeitung dieser Rohstoffe verwendet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2022)