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Interview

"Die Klimakrise greifbar machen"

NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland möchte nicht nur die Exponate selbst, sondern auch deren Herkunft betonen.
NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland möchte nicht nur die Exponate selbst, sondern auch deren Herkunft betonen.NHM/Christina Rittmannsberger
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Katrin Vohland, Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien, über die Ausstellung „Brasilien“, die Verbindung zwischen dem Land und Österreich, das Artensterben und den Stellenwert von hauseigenen Sammlungen.

Die Presse: Brasilien abseits von Samba, Karneval – und auch nicht allein konzentriert auf den Regenwald: Das möchte die „Brasilien“-Ausstellung zeigen. Wie haben Sie die Exponate ausgewählt, um über das bekannte Bild hinauszugehen?

Katrin Vohland: Viele denken bei Brasilien in erster Linie an den Amazonasregenwald, aber wir zeigen, dass es auch andere interessante Biome gibt. Die Pampa beispielsweise hat viele besondere Tier- und Pflanzenarten zu bieten. Wir möchten neben den verschiedensten Lebensräumen auch den brasilianischen Beitrag zur Forschung beleuchten. Dabei zeigen wir Probleme auf, aber auch Renaturierungsprojekte.

Sie haben ja selbst in Brasilien geforscht – welche Beziehung haben Sie zu dem Land?

Ich habe meine Promotionsarbeit dort gemacht und von Manaus aus Tausendfüßler erforscht. Um nachzuweisen, dass sie aus den Anden kamen, bin ich den Amazonas hochgefahren und habe dort genetische Studien erstellt. Ich war zwei Jahre lang im Land, habe im Wald in Hängematten geschlafen und bin in Hütten am Fluss mit den Einheimischen in Kontakt gekommen. Doch tatsächlich kam der Vorschlag zur Brasilien-Schau nicht von mir, sondern von meinem Kollegen Christian Bräuchler.

Was Ihnen aber stets wichtig war, war der Fokus auf Expeditionen – warum?

Die Herkunft unserer Sammlungen zu betonen ist mir ein Anliegen. Das Naturhistorische Museum hat die Verantwortung, sich damit zu beschäftigen, warum und wohin Österreicher oder eben Habsburger unterwegs waren. Unser Haus hat eine enge Anbindung an Brasilien, da sehr viel Material von dort nach Österreich gebracht wurde. Gleichzeitig bietet Brasilien eine gute Basis, um auf Themen hinzuweisen, die uns generell wichtig sind: etwa auf den Klimawandel, den Verlust an biologischer Vielfalt und das Mensch-Natur-Verhältnis. Der Krise, in der wir gerade leben, muss sich unser Museum widmen. Wir möchten zeigen, wie schön Biodiversität ist, aber auch, wo es Wechselwirkungen gibt. So hat ja unser Konsumverhalten stark damit zu tun, wie sich die Landschaft etwa in Brasilien verändert.

Woran lässt sich das beispielsweise gut festmachen?

Wenn Wald abgeholzt wird, hat das ja ganz oft mit dem Anbau von Futtermitteln zu tun, oft geht es um Fleisch. Der große Konsum von Fleisch in Brasilien selbst, aber auch in Europa führt zu einem starken Flächenbedarf. Gleichzeitig sind diese Flächen ja Habitate für Pflanzen und Tiere. Wir zeigen in der Ausstellung auch anhand von Bodenprofilen, dass es gar nicht so einfach ist, in diesen uralten Böden einfach wieder Wald aufzuforsten. Man muss außerdem bedenken: Der Amazonas hat für das Weltklima eine große Bedeutung. Und wir versuchen, all das besonders greifbar zu machen, weil vieles, was wir hier zeigen, Exponate sind, die österreichische Forscher gesammelt haben.

Wieso haben Sie einen historischen Ausgangspunkt gewählt? Die Hochzeit der Habsburgerin Leopoldine mit dem portugiesischen Thronfolger 1817 und ihre Reise nach Brasilien?

Leopoldines Hochzeit abseits der Einteilung in Lebensräume als Anlass zu nehmen erklärt, warum wir so viele Materialien aus Brasilien im Naturhistorischen Museum haben. Es gab ja damals in Österreich sogar ein eigenes Museum, das Brasilianum, so viel Material wurde hergeschifft. Dies dient als Einstieg, der gleichzeitig das Thema des kolonialen Umgangs aufwirft.

Wie kann man das bringen, ohne zu beschönigen oder zu beschuldigen?

Es geht nicht darum, Expeditionen negativ zu konnotieren, aber natürlich waren auch strategische Interessen damit verbunden. Wir können deutlich machen, wie wer vom Handel profitiert hat – und wie Ungleichheiten bis heute bestehen. Es geht uns nicht um Schuld, wir wollen dabei nicht einzelne Personen darstellen, sondern der Frage nachgehen, wie man aus solchen Strukturen herauskommt. Zugleich möchten wir noch stärker darauf verweisen, wie international vernetzt in unserem Bereich gearbeitet wird.

Traurige Hintergründe haben Schilder, die neben Tieren hängen: „Wir werden weniger! Muss ich sterben? Mich gibt's nur mehr im Käfig.“ Wieso so negativ?

Wir bringen ja beides, es gibt auch Tiere, die sich „positiv äußern“, weil sie nicht gefährdet sind. Unsere Ausstellungsdesignerin wählte eine Bild- und Textsprache, die die Sache personalisiert. Man kann als Besucher stärker mit den Tieren mitfühlen. Wenn man eine Zahl hört, also beispielsweise, wie viele Arten täglich aussterben, sagt einem das vielleicht weniger, als wenn ein bestimmtes Tier „ruft“: „Mein Lebensraum geht verloren, und ich weiß nicht, wo ich mein Nest bauen soll!“ Möglicherweise bringen diese Botschaften einen leichteren Zugang.

Die Exponate stammen großteils aus der eigenen Sammlung, haben Sie Lieblingsobjekte – und wie beurteilen Sie generell die Bedeutung von Sammlungen heutzutage?

Ich finde das Gürteltier cool, es hat so etwas Archaisches. Auch den großen Teller mit Insekten finde ich schön. Tatsächlich ist unsere Sammlung für uns sehr wichtig. Wir haben ja 30 Millionen Objekte. Man kann die Sammlungen als Archiv der Biodiversität sehen, die es einmal gegeben hat. Wir arbeiten stetig daran, sie noch mehr digital zu erschließen und Analysen zu verknüpfen. Aus den Daten kann man beispielsweise sehen, wie Arten sich verändern, oder ableiten, welche Pflanzen sich bei Klimaveränderungen wo wohlfühlen könnten. Wir stecken viel Zeit und Geld in die digitale Erfassung, gleichzeitig ist es auch wichtig, die physische Sammlung zu erhalten, auch sie macht unser Haus aus.

Auf einen Blick

„Brasilien. 200 Jahre Beziehungsgeschichten“ bis 23.April 2023

Sonderausstellung im Narrenturm: „Krankheiten auf Reisen“ seit 27. Juli 2022  

www.nhm-wien.ac.at

Information

Diese Seite erscheint mit finanzieller Unterstützung des Naturhistorischen Museum Wien. 

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