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"The Tourist" im Kino: Lahmer Luxus mit Jolie

(c) AP
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Florian Henckel von Donnersmarcks Hollywood-Einstand "The Tourist" eilt der Ruf eines totalen Desasters voraus. Trotz Angelina Jolie und Johnny Depp waren die Kritiken vernichtend. Ab Donnerstag bei uns im Kino.

Nachdem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck für sein Regiedebüt Das Leben der Anderen im deutschen Feuilleton über den grünen Klee gelobt wurde – „unter Genieverdacht“ befand der „Spiegel“ gerade wieder –, eilt nun seinem Hollywood-Einstand The Tourist der Ruf eines totalen Desasters voraus. Trotz der Stars Angelina Jolie und Johnny Depp waren die Kritiken zum US-Start vernichtend. Dabei ist diese teure Neuauflage des französischen Krimis Anthony Zimmer (Fluchtpunkt Nizza, 2005) mit Sophie Marceau weniger desaströs als einfach nur leb- und freudlos.

Es ist die Art von behäbig dahinplätscherndem Konstrukt, die einlädt, sich während der Berieselung über anderes Gedanken zu machen. Wie die unterschätzte Form der Limerick-Filmkritik: „Ein von Donnersmarck namens Florian Henckel/filmte nicht nur Frau Jolies schmucke Schenkel. / Auch ihre vielen Kleider, die aparten / und Venedig, schöner als Postkarten. / Doch die Handlung blieb fades Geplänkel.“

The Tourist will nicht mehr sein als ein gewitztes nostalgisches Divertissement: Die Entertainer-Qualitäten leiden aber nicht nur am mangelnden Witz. Von Donnersmarck will jenen glitzernden Mix aus Komik, Flirt, Spannung und tourismusträchtigen Schauplätzen, den Hitchcock im Gentleman-Gaunerstück Über den Dächern von Nizza perfektionierte und Stanley Donen in Filmen wie Charade virtuos variierte. The Touristwirkt dagegen wie schwächliches deutsches Hauptabendfernsehen, in das sich irritierenderweise Hollywood-Stars verirrt haben.

Fadort Venedig sozusagen, samt Starpaar ohne jede Chemie. Auf Jolie ist der Film immerhin zugeschnitten – buchstäblich: Sie marschiert wie eine Lara Croft der Laufstege durch die Pariser Eröffnungsszenen. Diesen Couture-Werbespots folgen bald Lagunenstadt-Luxusbilder, bei denen kein Aufwand gescheut wird: Zur von Jolie selbstsicher gemodelten Kleinod- und Kleiderorgie kommen Kamerafahrten, adrette Ausleuchtung und wogende Musik von James Newton Howard, die grausam klischeehaft zu nennen stark untertrieben wäre (Frankreich: Akkordeonsolo, Italien: Mandolinenmelodei).

 

Die Action überrascht – durch Lethargie

Auch die Handlung lässt kein Klischee aus. Um Scotland Yards stupideste Steuerfahnder-Spezialeinheit zu täuschen, liest Gaunerliebchen Jolie im Zug nach Venedig den titelgebenden Touristen auf: Dieser „coole Mathematiklehrer“ entflammt bald in Liebe und wird von russischen Gangstern gehetzt. Die Action überrascht – durch Lethargie. Auch sonst wird der leichte Stoff schwerfällig bis zur Selbstparodie vorgeführt: Wie unter Beweisdruck erstickt die Inszenierung jedes Prickeln bei mondäner Eleganz und komischen Einlagen. Der Tod der Spielfreude wird an Depps Darstellung deutlich: Der Exzentrikspezialist muss viele humoristische Chancen ungenutzt verstreichen lassen. So verströmt sein Tourist eine Langweiler-Aura, aber schließlich scheint seine Romanze mit Jolie hauptsächlich aus Geplauder über das Wetter zu bestehen. Auch The Tourist verströmt (elegante) Langeweile, jedenfalls bis zur finalen „Überraschung“, die alles Vorhergehende völliger Sinnlosigkeit überantwortet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2010)