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Kulturerbe

Historische Kulturgüter als Modelle für modernen Klimaschutz

Erstmals erhob eine EU-Expertengruppe, der auch Christian Hanus von der Donau-Uni Krems angehört, welchen Stellenwert das kulturelle Erbe für die Klimaschutzpolitik von heute haben kann. Unter den 83 Fallstudien finden sich auch österreichische Beispiele.

Wer auf dem Dach des Wiener Burgtheaters die grüne Engelsfigur entdeckt, die mit aufgeblähten Backen in ein Instrument bläst, wird ihr kaum ansehen, dass sie über ihre ästhetische Funktion hinaus auch klimatechnisch von Bedeutung ist. Der „Blasengel“, wie die Blechtreibarbeit genannt wird, dient als Verkleidung für eine nach dem Wind ausgerichtete Öffnung, durch die die warme, verbrauchte Luft aus dem Theater abgeführt wird. Gleichzeitig wird aus dem benachbarten Volksgarten frische Luft angesaugt, über ein unterirdisches Gangsystem im gesamten Gebäude verteilt und durch den Boden des Parketts dem Zuschauerraum zugeführt. Diese Luftbrunnen-Anlage, die in der Gründerzeit konzipiert wurde, versorgt bis zum heutigen Tag die größte Sprechbühne des deutschsprachigen Raums mit Frischluft. Sie ist ein Beispiel nachhaltigen Bauens.

„Wenn man betrachtet, wie alte Gebäude gebaut sind, erkennt man in deren Konzeption einen hohen Bewährungsgrad und in deren Ausführung eine Dauerhaftigkeit. Man hat damals unglaublich effizient auf den Standort, die Funktionen und den Einsatz der Materialien geachtet. Man hätte sich gar nicht leisten können, anders zu bauen“, sagt Christian Hanus, Professor an der Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur der Donau-Uni Krems. Der promovierte Architekt und Leiter des Departments Bauen und Umwelt gehört der 50-köpfigen internationalen Experten-Gruppe an, die von der Europäischen Kommission beauftragt wurde, einen Bericht über das Potenzial kulturellen Erbes für eine klimafitte Zukunft zu erstellen. Der Bericht wurde im April unter dem Titel „Strengthening Cultural Heritage Resilience for Climate Change“ fertiggestellt. Er sollte demnächst auch in deutscher Sprache offen zugänglich sein.

Der historische Luftbrunnen des Burgtheaters hat darin als Beispiel dafür Eingang gefunden, wie bewährte Systeme unter Einsatz heutiger technischer Möglichkeiten zukunftsweisend eingesetzt werden können.

Planen abseits von Momentaufnahmen

Generell untersucht das Forscherteam mittels Simulationen, Lebenszyklus-Analysen und Messungen die klimatischen, energetischen und ökonomischen Potenziale von Altbauten. Während die sogenannten Energieausweise diesen oft kein gutes Zeugnis ausstellten, zeige sich, dass sie im langfristigen Vergleich, auf Jahrzehnte gerechnet, wesentlich bessere Bilanzen etwa beim Heizwärmebedarf und Kühlungsbedarf erzielten. „Im Energieausweis werden technische Kennwerte abgebildet, eine Momentaufnahme im Gebäudebetrieb. Aber was ist aufzuwenden, um diese Werte zu erreichen, und wie verändern sich diese über die Zeit? Das versuchen wir gesamtheitlich in Bezug auf Energie-Aufwendungen, aber auch auf CO2-Äquivalent-Emissionen und Lebenszykluskosten zu analysieren.“

Das andere Gebiet, auf dem Christian Hanus über eine weitreichende Expertise verfügt, ist Kulturgüterschutz angesichts der Zunahme von Starkwetterereignissen, die Katastrophen wie Brände oder Hochwasser mit sich bringen. „Da versuchen wir, in internationalen Projekten die Gefahr zu bewerten, Präventionsmaßnahmen zu definieren und auch verschiedene Evakuationskonzepte zu erarbeiten.“

Ein gutes Beispiel aus der Praxis dafür ist ein Projekt, das unter Mitwirkung der Donau-Uni Krems zustande kam. „ProteCHt2save“ setzte sich zum Ziel, die Auswirkungen klimawandelbedingter Katastrophen auf das kulturelle Erbe, aber auch die Gefahren für die lokale Bevölkerung, Touristen und Einsatzorganisationen darzustellen. Als Web-Tool hilft diese Datenbank nun, Entscheidungen auf regionaler Ebene zu treffen. In dem Interreg-Projekt wurden sieben europäische Modellregionen ausgewählt, um Notfallpläne zur Sicherung des kulturellen Erbes zu entwickeln, darunter etwa Ferrara (Italien), Kastela (Kroatien) oder Pécs (Ungarn), und die Stadt Krems im Welterbe Wachau.

Nicht nur dadurch allerdings ist die Stadt mit dem EU-Expertenbericht verbunden. Am Campus in Krems fand Ende April auch das einzige physische Treffen aller 50 Expertinnen und Experten statt. Zuvor waren sich die Forschenden über zwei Jahre ausschließlich in Online-Konferenzen begegnet.

LEXIKON

Als Luftbrunnen wird eine besondere Form der Erdwärmeübertragung bezeichnet. Es handelt sich um Anlagen, die Außenluft entweder durch unterirdische Hohlräume oder durch das Erdreich strömen lassen.

Das Gestein wirkt als Wärmespeicher. Die Außenluft wird im Winter vorgeheizt und befeuchtet, im Sommer gekühlt und getrocknet.


Das Wiener Burgtheater nützte bereits im 19. Jahrhundert ein solches Belüftungssystem.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2022)