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Interview

Claudia Maier: „Männer, die sich alles abnicken, bringen der Umwelt nichts“

E-Autos würden primär "männlich" vermarktet, findet die Sozialwissenschaftlerin.
E-Autos würden primär "männlich" vermarktet, findet die Sozialwissenschaftlerin.(c) IMAGO/Jochen Eckel (IMAGO/Jochen Eckel)
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Was getan werden muss, damit die Energiewende auch gerecht abläuft, damit beschäftigt sich die Sozialwissenschaftlerin Claudia Maier. Sie kritisiert die fehlenden Frauen in den Vorständen der Energieversorger und „männliche“ Vermarktungsstrategien von E-Autos.

Die Presse: Warum ist die Kategorie „Geschlecht“ im Kontext von Klimawandel und Energiewende von Relevanz?

Claudia Maier: Frauen und Männer sind unterschiedlich davon betroffen. Frauen gehen anders mit Energie um und haben andere finanzielle Ressourcen. Statistische Untersuchungen können dieses Ausmaß nicht aufzeigen, da etwa Daten zu Energiearmut lediglich auf dem Haushaltseinkommen beruhen. Bei Single-Haushalten sieht man, dass mehr Frauen von Energiearmut betroffen sind. Was nicht berücksichtigt wird, sind Mehrpersonenhaushalte, in denen trotzdem die Frauen mehr darunter leiden.

Was ist der Grund dafür?

Frauen erledigen den größten Anteil der Care-Arbeit wie Kinderbetreuung und Haushalt. Dementsprechend mehr und anders nutzen sie Energie im Privaten. Sie agieren dabei aber nachhaltiger als Männer und setzen sich häufiger für den Umweltschutz ein. Männer hinterlassen hingegen einen größeren CO2-Abdruck, da muss man sich nur das Verkehrsverhalten anschauen. Die Unterschiede im Energiekonsum werden in der Forschung zum Teil schon berücksichtigt, anders als etwa die Relevanz von Gender in der Energieerzeugung, einerseits durch private Erzeugungsanlagen, aber auch generell in dieser Branche.


Wie schaut denn die Situation bei den österreichischen Energieversorgern aus?

Unter den 23 Vorstandsvorsitzenden bei den großen neun Unternehmen ist nur eine Frau. Das ist fatal. Der Umstieg auf erneuerbare Energie liegt in Männerhand. Wie sollen die Interessen der Frauen ordentlich vertreten werden, wenn sich eine Frau gegen viele Männer durchsetzen muss? Und oft geht es da tatsächlich um ein Durchsetzen, weil gerade Frauen in Führungspositionen, sagen wir einmal so, mutigere Entscheidungen treffen. Das erhöht das Konfliktpotenzial und den Diskussionsbedarf, wenn verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen. Und darum geht's. Weiße Männer, die sich nur gegenseitig alles abnicken, weil sie ähnliche Bedürfnisse haben, bringen dem Großteil der Bevölkerung nichts – und der Umwelt schon gar nichts.


Frauen sind die, die sich kümmern – das entspricht der klassischen Rollenverteilung. Damit zu argumentieren festigt aber Stereotype. Sehen Sie das nicht so?

Doch, aber die Perspektive von Frauen hilft uns im Jetzt dabei, bestehende Bedürfnisse zu benennen und zu berücksichtigen. Es geht nicht immer nur um die technisch beste Lösung, sondern auch um soziale Aspekte. Natürlich muss es ein langfristiges Ziel sein, dass sich Genderstereotype ändern und dass den feministischen und sozialen Blick nicht nur Frauen einbringen. Doch wir leben jetzt in diesen Strukturen, die lassen sich ad hoc nicht ändern, also sollten wir sie nutzen.


Wie konkret?

In einem Projekt zu Energiegemeinschaften, an dem ich aktuell mitwirke, gibt es zum Beispiel drei Arbeitsgruppen mit Bürgerinnen und Bürgern. Es geht um technische Lösungen, um rechtlich-wirtschaftliche Aspekte und um soziale Gerechtigkeit. In der dritten Gruppe sitzen die meisten Frauen. Sie sind es, die darauf pochen, dass eine Lösung für die Gemeinschaft gefunden wird, dass es etwa eine gerechte Preisfindung gibt und dass Menschen mit niedrigerem Einkommen unterstützt werden.


Sie kritisierten kürzlich bei einem FEMtech-Netzwerktreffen (FEMtech ist eine Initiative zur Unterstützung von Frauen in Forschung und Technologie; Anm.) die „männliche“ Vermarktung von Klimalösungen. Wo zeigt sich diese?

In Tesla-Werbungen zum Beispiel: In acht Werbevideos, die ich mir angeschaut habe, kommen nur zwei Frauen vor, als stereotype Blondinen zum Flirten. Das Produkt wird von Männern für Männer vermarktet. Ein anderes Beispiel sind Fotovoltaikanlagen. Obwohl diese meist von Familien genutzt werden, sieht man in der Bewerbung hauptsächlich männliche Monteure, Männer beim E-Auto und Frauen bei den Kindern. Wenn man diese Bilder umdrehen würde, könnte das helfen, etwas in den Köpfen zu ändern.

Zur Person

Claudia Maier (31) ist Sozialwissenschaftlerin im Bereich Energiewende und Gleichstellung. Derzeit leitet sie den Masterstudiengang Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Fachhochschule (FH) Burgenland interimistisch. Parallel dazu ist Maier in mehreren Projekten des Center for Energy Transition der Forschung Burgenland, eines Unternehmens der FH Burgenland, involviert und hier für die Beantwortung sozialwissenschaftlicher Fragestellungen zuständig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2022)