Italien: Banken erklären Bargeld den Krieg

Italien Banken erklaeren Bargeld
(c) AP (LUCA BRUNO)

Die Verbraucher des Landes bevorzugen Cash – und haben die geringste Verschuldung der Eurozone. Jetzt kämpfen die Finanzinstitute für mehr Kartenzahlungen. Das Finanzministerium unterstützt die Vorschläge.

Rom/Bloomberg/Red/Htz. In Italien ist Bargeld Trumpf. Diese Lektion musste Massimiliano Romano lernen, als er versuchte, am Hauptbahnhof von Rom ein Taxi zu finden, das Kreditkarten akzeptiert. „Ich dachte, meine Karten würden ausreichen“, so der Analyst vom Mailänder Brokerhaus Concentric Italy. Doch erst der zehnte Fahrer willigte schließlich ein. In Italien wird nach Daten der italienischen Zentralbank halb so oft mit Kreditkarten gezahlt wie im Durchschnitt der EU: 26 Kreditkarten-Transaktionen pro Jahr, in Großbritannien liegt dieser Wert bei 125.

Jetzt hat die Vereinigung italienischer Banken (ABI) dem Bargeld „den Krieg erklärt“: Sie will die Verwendung von Kredit- und Debitkarten vorantreiben. Zu Letzteren zählt etwa die Girocard, die frühere EC-Karte, bei der gezahlte Beträge umgehend vom Konto des Inhabers abgebucht werden. Nach Angaben des Verbands entstehen wegen Barzahlungen Kosten von bis zu zehn Mrd. Euro jährlich, besonders teuer seien Ausgaben für Sicherheit und höhere Arbeitskosten. Durch den Einsatz von Kreditkarten sowie Überweisungen könnten diese Kosten gesenkt werden.

 

Tief verwurzelte Cash-Kultur

Die italienische Bargeld-Kultur ist tief verwurzelt. Als am wenigsten verschuldete Konsumenten in der Eurozone gehören Italiener laut der Statistikbehörde Eurostat zu den größten Sparern. Unternehmen zahlen die Löhne ihrer Beschäftigten oft in bar aus, um Steuern zu umgehen. Dies ist besonders im Süden der Fall, wo organisierte Kriminalität verbreitet ist. Schätzungen zufolge gehen dem Staat durch unversteuerte Transaktionen jährlich etwa 100 Mrd. Euro durch die Lappen, das ist ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Nicht nur deshalb werde es nicht leicht, die Italiener von Karten zu überzeugen, meint Carlo Alberto Carnevale-Maffe, Professor für Unternehmensstrategie an der Uni Mailand: „Italiener verfügen über eine starke Familientradition, die sie Schulden meiden lässt und dazu führt, dass sie eine Menge sparen, um die Zukunft ihrer Kinder sicherzustellen.“

Das Finanzministerium unterstützt die Vorschläge, in öffentlichen Einrichtungen Zahlungsterminals zu installieren. Den Banken reicht das nicht: Sie fordern, dass Gehaltszahlungen in bar komplett verboten werden.

Verbraucher und Händler sehen den Feldzug gegen das Bargeld skeptisch. „Die Banken wollen nur ihre Transaktionen vervielfachen, um Profite zu steigern“, sagt Carlo Rienzi von der Verbraucherschutzgruppe Codacons in Rom. „Der Ersatz von Bargeld durch elektronisches Geld sollte kostenlos geschehen – wird es aber nicht.“ Zugleich wird Einzelhändlern und Unternehmen die Akzeptanz von Kartenzahlungen mit Gebühren erschwert, sie müssen pro Transaktion vier Prozent Gebühren berappen.

 

In Holland gründlich gescheitert

Unterdessen hat auch der niederländische Einzelhandelsverband BEB das Ziel ausgerufen, dass bis 2014 in allen Supermärkten des Landes nur noch bargeldlos gezahlt werden kann. Allerdings ging im Dezember der jüngste Vorstoß einiger Supermarktketten, nur noch Kartenzahlungen zu akzeptieren, gründlich daneben: Zahlreiche Kunden empörten sich darüber, dass ihre 20- und 50-Euro-Scheine nicht mehr angenommen werden. Bereits nach wenigen Tagen brach die Supermarktkette „Deen“ das Experiment ab. Eine Firmensprecherin erklärte daraufhin: „Wir haben Angst, dass wir Kunden verlieren, wenn wir kein Bargeld mehr akzeptieren. Ab sofort kann in allen Filialen in bar bezahlt werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2011)