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Pop

Wanda Jackson: "Erst nahm ich Elvis nicht ernst"

Wanda Jackson Erst nahm
(c) Warner Music
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Wanda Jackson, die Königin des Rockabilly, hat ein Comeback-Album aufgenommen. Mit der "Presse am Sonntag" sprach sie über Spaghettiträger, einen Hit in Japan und Küsse mit Elvis.

Ihr Comeback-Album hat Jack White von den „White Stripes“ produziert. Der sieht doch ziemlich martialisch aus. Wie war Ihr erster Eindruck von ihm?

Wanda Jackson: Mir fiel zunächst vor allem seine Jugend ins Auge. Ich dachte mir, was will dieser junge Mensch von mir? Der ist ja jünger als mein Sohn! Aber Jack hat etwas sehr Einnehmendes. Er mag ein bisserl rau aussehen, ist aber der perfekte Gentleman! Ich habe schnell Vertrauen zu ihm gefasst.

 

Was hat Ihnen an der Arbeit mit Jack White am meisten imponiert?

Wie ernsthaft dieser junge Mann bei der Sache ist. Er besteht darauf, analog aufzunehmen. Da gibt es keinerlei Klänge aus der Konserve. Besonders freut mich, dass mein neues Album auch auf luxuriös ausgestattetem Vinyl rauskommt. Sogar zwei Singles gibt es.

 

Wie haben Sie denn die Songs ausgewählt?

Jack lebt in Tennessee, ich in Oklahoma. Also schickten wir einander zunächst Lieder, von denen wir überzeugt waren, und diskutierten darüber am Telefon. Als ich bemerkte, dass Jack meinen Gesangsstil schätzt und mich nicht verbiegen wollte, überließ ich es ihm, den größten Teil des Repertoires auszusuchen. Am Ende waren acht Songs von ihm, drei von mir im Kasten. Ich habe den alten Elvis-Song „Like A Baby“ ausgesucht, und die Country- Soul-Standards „Teach Me Tonight“ und „Blue Yodel #6“.

„You Know I'm No Good“ interpretieren Sie noch viel schärfer als Amy Winehouse...

Zunächst war mir der Song herzlich egal. Ich war sogar ein wenig schockiert. Die Melodie mochte ich auf Anhieb, aber es war mir unmöglich, die zweite, unglaublich anzügliche Strophe zu singen. Jack schrieb sie mir gleich um. Und dann musste er mich anständig peitschen, bis mein Gesang so war, wie er sich das vorstellte. Jetzt bin ich stolz auf diese Performance.

Apropos Schock. Sie haben doch in Ihren frühen Jahren mit leicht schlüpfrigen Liedern wie „Funnel of Love“ auch nicht immer jugendfrei agiert.

Nun ja, „Funnel of Love“ finde ich gar nicht so super erotisch. Es ist einfach ein schöner Song! Aber es stimmt schon: Ich habe mich in den letzten zwei Jahrzehnten intensiver mit dem christlichen Glauben beschäftigt und auch viel Gospel gesungen. Da entwickelt man dann andere Sensibilitäten.

In den Fünfzigerjahren schockierten Sie viele Amerikaner als wilde Rockabilly-Sängerin. Was sagen Sie zu den heutigen Eskapaden einer Amy Winehouse?

Ich hege ein wenig Mitgefühl. Wenn der Erfolg derart brutal über dich hereinbricht, dann kommt der stärkste Charakter durcheinander. Sie ist so ein Talent, sie muss einfach wieder auf die Beine kommen!

Was würden Sie jüngeren Kolleginnen im Showbusiness raten?

Es ist ein wechselhaftes Geschäft. Man muss Freunde gewinnen, die nicht nur bei Schönwetter zu einem stehen.

Welche Versuchungen hielt das Tourneeleben in den Fünfzigerjahren bereit?

Versuchung gibt es überall, wo man sie finden will. Schnellen Sex gab es früher schon – und was heute Drogen sind, war damals halt nur Alkohol. In meinem Fall war es einfach. Ich war ein Teenager, mein Vater begleitete mich überall hin. Meine Wildheit beschränkte sich auf die Bühnenauftritte.

 

Neben Rockabilly sangen Sie auch immer schon Country-Songs. Sie behaupten, die Erste gewesen zu sein, die Glamour in die Welt des Country brachte. Wie das?

Ich fand schon früh heraus, dass Stiefel und Cowboyhüte nichts für Sängerinnen sind. Und da war noch meine Mutter, eine begnadete Schneiderin. Sie nähte mir die bunten Fransenkostüme, die bald alle haben wollten. Bei den Burschen waren besonders jene mit Spaghettiträgern beliebt. Das war vielleicht nicht so provokant, wie Lady Gaga heute ist, aber damals war der Effekt durchaus groß.

 

Sie haben nicht oft komponiert, aber mit dem wehmütigen „Right Or Wrong“ ist Ihnen ein Country-Klassiker gelungen. Wie ist der entstanden?

Ich arbeitete damals gerade an zwei Songs gleichzeitig. Da mischten sich die musikalischen Motive etwas. Bei der Melodie hatte ich die jugendliche Brenda Lee im Hinterkopf. Mir fiel es immer leichter, etwas zu komponieren, wenn ich es zumindest hypothetisch für andere Sänger machte. Mir selbst etwas auf den Leib zu schreiben, kam mir etwas seltsam vor.

 

Ken Nelson, ein großes Tier beim Label Capitol, ließ Ihnen ausrichten, dass weibliche Sänger sich nicht verkaufen würden. Dennoch nahmen Sie ein paar Jahre später für Capitol auf. Warum?

Der Grund, warum sich weibliche Sänger nicht verkauften, lag hauptsächlich darin, dass man sie nicht aufnehmen ließ. Glücklicherweise hatte ich einen hartnäckigen Mentor, der mir zunächst einen Vertrag mit Decca verhandelte. Später war dann auch noch etwas mit Capitol möglich. Die wollten mich dann ewig halten. Ich blieb 18 Jahre.

In den Sechzigerjahren nahmen Sie sehr gute und durchaus sozialkritische deutsche Schlager wie „Santa Domingo“ und „Doch dann kam Johnny“ auf. Wissen Sie noch Details darüber?

Es waren 18 Lieder in zwei Sessions in den Electrola-Studios in Köln. Komponiert haben Bert Relin und Joachim Olden. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich alles nur auswendig gelernt habe, ohne zu wissen, was ich da eigentlich von mir gebe. Es war die härteste Arbeit, die ich jemals gemacht habe. Um so mehr freut es mich, wenn Sie mir jetzt sagen, dass die Texte von einem gewissen Wert waren.

Kurios war auch, dass Sie zwar nie in den USA einen Nummer-eins-Hit hatten, dafür aber in Japan mit „Fujiyama Mama“. Darin hieß es: „I've been to Nagasaki, Hiroshima too/The things I did to them baby, I can do to you!“ Hat es Sie nie gewundert, dass Sie mit solchen Zeilen relativ kurz nach dem Krieg solchen Erfolg haben konnten?

Heute vielleicht. Damals nicht. Wir waren viel naiver, und niemand hat jedes Wort auf die Waagschale gelegt. Der Song hatte einfach den richtigen Drive. „Fujiyama Mama“ war so etwas wie eine alternative Hymne in jener Zeit.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem 20.Juli 1955?

Das war der Tag, an dem ich Elvis Presley zum ersten Mal getroffen habe. Es war in Cape Girardeau in Missouri. Wir traten in der gleichen Show auf. Für mich war er damals ein total Unbekannter. Ja, eigentlich nahm ich ihn erst einmal gar nicht ernst. Sie müssen sich vorstellen: Der Mann kam in einem rosaroten Chevrolet angefahren! Das war vielleicht schräg. Als er aber zum ersten Mal den Mund öffnete, um zu singen, nahm ich ihn ganz schnell sehr ernst.

Ihre Freundschaft zu Elvis wurde mit der Zeit etwas intimer. Was haben Sie zusammen erlebt?

Nun wir waren oft gemeinsam auf Tournee. Er war es ja, der mir als Erster vorschlug, Rockabilly zu singen. Was sonst an Zeit blieb verbrachten wir in Kinos, Matinees oder Parkanlagen. Es war ziemlich unschuldig.

Wie hat Elvis geküsst?

Gut, aber ich habe dann einen Mann kennengelernt, der noch besser küsste. Mit dem bin ich bis zum heutigen Tag verheiratet. Aber den Ring, den mir Elvis geschenkt hat, habe ich immer noch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2011)