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Showdown um den Semmeringtunnel

(c) APA (ROBERT JAEGER)
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Bei der Bauverhandlung im Hotel Panhans trafen noch einmal Projektgegner und -befürworter aufeinander - gesittet, aber teilweise recht emotional. Das Ministerium ist jetzt am Zug, den Bau endgültig freizugeben.

Semmering. Dem Sachverständigen, als honoriger Techniker mit Anzug, Krawatte und Kurzhaarschnitt eigentlich ein Archetyp des neutralen Gutachters, geht zu Beginn der Mittagspause dann doch das Temperament durch: Er flucht im kleinen Kreis über einen entschiedenen Gegner des Projekts. Es ist der zweite Tag der mündlichen Bauverhandlung für den Semmeringtunnel – und bei manchen liegen die Nerven blank.

Kein Wunder, denn wie der mit Kosten von 2,8 Milliarden Euro veranschlagte Tunnel selbst die Bezeichnung „Mammutprojekt“ verdient, ist es auch eine Verhandlung der Superlative: Nicht weniger als 27 Gutachter haben sich am Dienstag und gestern, Mittwoch, im Festsaal des Hotels Panhans in Semmering den Fragen der Öffentlichkeit gestellt – ausgerechnet in jenem Hotel übrigens, das seinen Ruhm vor allem der Strecke verdankt, die durch den Tunnel marginalisiert werden soll. Die ÖBB-Infrastrukturgesellschaft, die in dem Verfahren als Bauwerberin auftritt, hat mit zehn Mann die ganze Spitze ihres Planungsteams geschickt.

Die Öffentlichkeit, das sind in diesem Fall vor allem Grundeigentümer, Anrainer und andere von den Bauarbeiten direkt betroffene Bürger aus der Region – rund 60 Menschen sitzen am Mittwoch im Festsaal, großteils ältere Herren. In vielen Fällen sind es nur kleine Wortmeldungen mit Sachfragen – „Wieso ist das eindringende Wasser in dem Tunnel so ein großes Problem, wenn man sogar unter dem Ärmelkanal Röhren verlegen kann?“, will etwa einer wissen. Solche Fragen beantworten die ÖBB-Planer gemeinsam mit den zuständigen Gutachtern („Auf den Semmeringtunnel kommt aufgrund der hydrologischen Gegebenheiten rund der vierfache Wasserdruck als beim Ärmelkanaltunnel.“)

Sorgen um Lärm, Staub, Wasser

„Die meisten Anfragen betreffen nicht den Tunnel, sondern die Bedingungen während der Arbeiten“, erklärt Gerhard Gobiet, Projektleiter bei den ÖBB. Vor allem in Gloggnitz am Nordende des Tunnels befürchte man, während der für zwölf Jahre (ab 2012) geplanten Bauzeit verstärkt unter Verkehrslärm und Staub leiden zu müssen.

Drastischer stellt sich die Situation für die Landschaftsschutzinitiative „Alliance for Nature“ dar, die schon am Protest gegen andere Tunnelvarianten beteiligt war. Deren eigener Sachverständiger, Josef Lueger, ortet vor allem wassertechnische Probleme: „Durch das Projekt wird der regionale Grundwasserhaushalt schwer in Mitleidenschaft gezogen“, warnt der Geologe – und wirft jenen Sachverständigen, die die ÖBB zur Bestellung ihrer insgesamt 1400 Seiten starken Einreichberichts bestellt haben, in der Verhandlung vor, mit veralteten Messmethoden gearbeitet zu haben.

Solche Einwände (und der darauffolgenden vehementen Verteidigung durch die angesprochenen Gutachter und die ÖBB) führen zu den wenigen emotionalen Momenten der Verhandlung – Chefplaner Gobiet wirft Lueger da etwa „untergriffige, unsachliche Attacken“ vor –, die aber unter der besonnenen Moderation von Verandlungsleiter Erich Simetzberger vom Infrastrukturministerium schnell wieder beruhigt werden.

Das Ministerium ist jetzt am Zug, den Bau endgültig freizugeben. Mit Ausnahme wasser- und umweltrechtlicher Teilverfahren der Länder Niederösterreich und Steiermark sind alle Kompetenzen im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsprüfung dort gebündelt. In den nächsten Wochen werden noch die Ergebnisse des bisherigen Verfahrens – etwa das Lueger-Gutachten – geprüft.

 

Noch heuer Baubewilligung?

ÖBB-Projektleiter Gobiet zeigt sich trotzdem optimistisch, noch heuer die Baubewilligung für den Tunnel zu bekommen: „Wir haben das Projekt ja so unter den Vorgaben der Gutachter eingereicht, wie wir glauben, dass es bewilligt werden kann.“ Trotz der gigantischen Ausmaße des Projekts habe es „nur“ 90 Einwendungen gegen die Vorlage gegeben – „das ist verhältnismäßig wenig“, findet Gobiet.

Blick zurück

Semmering-Basistunnel. Das Projekt wird in den 1980ern von den ÖBB geplant, um eine Generalsanierung der alten Bergstrecke einzusparen. 1989 wird der Semmering Basistunnel vom Parlament beschlossen, 1992 gibt es nach Bürgerprotesten einen Baustopp. 1994 beginnen die Arbeiten am Sondierstollen, die 1998 eingestellt werden, nachdem sich Niederösterreich querlegt. 2005 wird der Basistunnel Neu beschlossen, der 2018 in Betrieb gehen soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2011)

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