Studie: Radler zahlen für Pkw-Verkehr

Studie Radler zahlen fuer
(c) Harald Hofmeister

Wissenschaftler wiesen nach, dass sich der Radverkehr in der Hauptstadt gesamtwirtschaftlich rechnet. Zu tun hat das vor allem mit den positiven Effekten für die Gesundheit.

Wien. Die Mobilitätsbedürfnisse der Bewohner einer Stadt sind derart unterschiedlich, dass es das ideale Verkehrsmittel nicht gibt. Manchmal ist die Entscheidung zwischen Auto, öffentlichem Verkehr, Fußweg oder Fahrrad auch eine ideologische. Ökonomisch betrachtet ist die Sache jedoch klar: Zählt man alle maßgeblichen Faktoren zusammen, schlägt das Rad den Pkw um Längen. Das sagen drei Forscher der Wiener Universität für Bodenkultur.

Die Studie „Gesamtwirtschaftlicher Vergleich von Pkw- und Radverkehr“ ist noch nicht publiziert, liegt der „Presse“ jedoch vor. Im Kern kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die vergleichsweise wenigen Wiener Radfahrer die Übermacht der Autofahrer vereinfacht gesagt quersubventionieren, ganzheitlich betrachtet also mehr in das System einzahlen, als sie entnehmen. Allein in Wien geht es um 224,5 Mio. Euro jährlich. Beim Pkw-Verkehr verhält es sich genau umgekehrt. Wiens Autofahrer belasten die Allgemeinheit demnach mit 189,1 Mio. Euro pro Jahr. Die Forscher verhehlen dabei nicht, dass die Berechnung erstens nur auf den Stadtverkehr anzuwenden ist und zweitens vor allem darauf basiert, dass der durch den Radverkehr gestiftete Nutzen insbesondere dem Gesundheitssektor zugutekommt.

 

Betrieb: Auto kaum teurer

„So positiv das klingt: In Wahrheit ist es der Kern des Problems“, sagt Michael Meschik vom Institut für Verkehrswesen an der Boku, der die Forschungsarbeit gemeinsam mit dem Institutsvorstand Gerd Sammer und dem Diplomanden Gregor Trunk erstellt hat. Denn: „Welchen Anreiz hat heute ein Entscheidungsträger, etwas umzusetzen, wenn von den positiven Effekten andere profitieren?“ Auf den konkreten Fall umgelegt, bedeutet das, dass sich Wiener Investitionen in den Radverkehr hauptsächlich im Budget des Bundes positiv auswirken würden.

Doch wie berechnet man den gesamtwirtschaftlichen Preis eines Verkehrsmittels eigentlich? In die Boku-Studie flossen hierfür die Faktoren Gesundheit und Lärm sowie die Kosten für Betrieb, Reisezeit, Schadstoffe und Klima mit ein. Abgaben und Subventionen blieben unberücksichtigt. Begründung: Es sind Maßnahmen einer politisch definierten Umverteilung. Mit dem real-ökonomischen Ressourcenverbrauch haben sie nichts zu tun.

Was die Autoren selbst überraschte, war die Tatsache, dass die Kosten, die der Nutzer selbst trägt, so unterschiedlich gar nicht sind. Ein komfortables und tonnenschweres Auto zu bewegen, kostet – Betrieb, Unfallwahrscheinlichkeit und ökonomischer Wert der Reisezeit mit einberechnet – 94 Cent pro Kilometer. Das Fahrrad ist mit 83 Cent nur unwesentlich billiger.

Ganz anders sieht die Berechnung bei den externen Kosten aus, also jener Summe, für die die Allgemeinheit aufkommt. Während Pkw-Lenker pro gefahrenem Kilometer 4,35 Cent entnehmen (die größten Brocken sind die Kosten für Unfälle und Lärm), zahlen Radfahrer rechnerisch 81,47 Cent in die Gesellschaftskasse ein.

„Grund dafür ist die stark positive Wirkung von regelmäßiger Bewegung auf die Gesundheit von Radfahrern“, sagt Co-Autor Meschik. Oder anders ausgedrückt: Die Krankenkassen haben deutlich weniger Ausgaben. Unter Anwendung modernster Methoden ließe sich das ziemlich genau errechnen.

 

Umwelt: Allgemeinheit zahlt

Auf Basis der so ermittelten Werte pro Kilometer errechneten die Boku-Forscher die Kosten für das gesamte System. Die Eckdaten: 25 Prozent aller Wege werden in Wien mit dem Auto zurückgelegt. Die durchschnittliche Weglänge beträgt 7,5 km. Beim Fahrrad sind es vier Prozent bzw. 3,9 km. Unterm Strich bleiben die bereits genannten 224,5 Mio. Euro an Aktiva auf Seiten der Radfahrer und 189,1 Mio. Kosten für die Allgemeinheit auf Seiten der Pkw-Nutzer. Unterm Strich also ein gesamtwirtschaftlicher Nutzen von 35,4 Mio. Euro.

Dabei betonen die Autoren, dass die Studie keinesfalls als Plädoyer gegen das Auto verstanden werden soll. Auf vielen Strecken – insbesondere längeren – gebe es schlichtweg kaum praxistaugliche Alternativen. Aber: „Wir wollen mit der Arbeit Denkanstöße dafür liefern, wo man die Stärken des Rades fördern und sogar noch davon profitieren könnte“, sagt Meschik. Das ist rechnerisch darstellbar.

In mehreren Zukunftsszenarien gingen die Studienautoren von steigenden Radfahrer- und sinkenden Autofahrerzahlen aus. Ergebnis: Selbst unter Berücksichtigung von millionenschweren Radweg-Bauprogrammen und Imagekampagnen würde der gesamtwirtschaftliche Nutzen bei vorsichtigen Berechnungen und einem Radverkehrsanteil von sechs Prozent auf 147 Mio. Euro steigen (siehe Grafik). Erreicht Wien das sich selbst gesteckte Ziel von acht Prozent bis 2020, wären sogar 257 Mio. Euro pro Jahr möglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2011)