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„Die Leute geben auf oder gehen ins Ausland“

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(c) Michaela Bruckberger
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Der Vorsitzende der IGLektoren, Claus Tieber, über die prekären Arbeitsverhältnisse an der Uni.

Die Presse: Immer mehr junge Forscher werden nur halbtags angestellt. Bedeutet das auch Halbtagsarbeit?

Claus Tieber: Nein, natürlich nicht. Es bedeutet, dass sie nur halbtags bezahlt werden, aber die Arbeit hört ja nicht auf. Dass immer mehr Stellen als Halbtagsstellen vergeben werden, ändert nichts daran, dass die Leute dennoch bis zu 40Stunden und mehr arbeiten. Und das oft bei befristeten Anstellungsverhältnissen.

Prekäre Anstellungsverhältnisse bringen ja auch eine gewisse Selektion mit sich. Bleiben da die Besten übrig?

Nein. In Wirklichkeit bleibt nichts übrig. Die Antwort der Leute ist, früher oder später aufzugeben oder ins Ausland zu gehen.

Welche Konsequenzen hat das für den Forschungsstandort Österreich?

Die besten Leute gehen weg. Wobei die Forschung nur ein Bereich ist. In den letzten Jahren hat man gezielt auf Forschung gesetzt, aber dabei die Lehre völlig vernachlässigt. Die schlechte Reihung in internationalen Rankings verdanken die österreichischen Unis dem schlechten Betreuungsverhältnis.

Was macht denn in Österreich die Attraktivität der wissenschaftlichen Arbeit aus?

Die Städte, das Land. Die Attraktivität, in Wien wissenschaftlich zu arbeiten, ist die Stadt. Aber nicht die Situation in der Wissenschaft. Die Leute kommen auch von außerhalb und nehmen hier Arbeitsbedingungen in Kauf, die sie überhaupt nicht nötig hätten, weil die Stadt Wien so attraktiv ist.

Welche strukturellen Reformen bräuchte es, damit der akademische Nachwuchs abgesichert ist?

Man braucht mehr Laufbahnstellen, bei denen man nicht einfach nach einer gewissen Zeit wieder draußen ist, sondern, bei denen es von der Leistung abhängt, ob man weiterbeschäftigt wird oder nicht.

Ministerin Karl verspricht seit Längerem ein Faculty-Modell. Glauben Sie noch an eine Umsetzung?

Irgendetwas in Richtung Faculty wird es wohl geben. Damit das befriedigend ist, muss sich die Personalstruktur ändern. An der Uni Wien gibt es unterhalb der Professur derzeit fast ausschließlich befristete Stellen. Zum anderen gehört redemokratisiert. Die Leute sind nicht in Entscheidungsprozesse an der Uni eingebunden. Dadurch identifizieren sie sich weniger mit dem Ganzen und sind natürlich weniger motiviert, sich zu engagieren – weil sie dann ja eh weg sind. (beba)

Zur Person

Claus Tieber (45) ist Filmwissenschafter und seit März 2010 Präsident der Interessensgemeinschaft freier Lektoren (IG Elf). Der gebürtige Tiroler ist externer Lektor an der Uni Wien und Forschungsassistent an der Uni Salzburg. Die IG Elf setzt sich für die Aufwertung der Universitätslektoren ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2011)