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Einer der dümmsten Slogans: „No risk, no fun“

Wer mit seiner Risikobereitschaft prahlt, nimmt oft vor allem das Risiko für andere Menschen in Kauf. Ein Plädoyer für die Vorsicht.

Wenn es in der U-Bahn „Zurückbleiben“ heißt, bleibe ich zurück; ich lege mein Geld aufs Sparbuch, meide Überraschungsmenüs und Extremsportarten. Ja, ich bin risikoscheu und finde das okay. Risikoscheu, wie ich bin, traue ich mich das genau jetzt zu schreiben, wo die allgemeine Verehrung des Risikos durch den (zum Glück anscheinend doch nicht verheerenden) Atomunfall in Japan gebremst scheint.

Verehrung des Risikos? Ja. In den Anforderungsprofilen für bessere Jobs sind die Adjektive „risikofreudig“ und „risikobereit“ schon fast so gefragt wie die Klassiker „flexibel“, „belastbar“, „kreativ“ und „teamfähig“. (Die Wörter „fleißig“ und „korrekt“ kommen nie vor, diese Eigenschaften muss man wohl nur mehr als C-Beamter oder Reinigungskraft haben.) Es scheint geradezu, als ob es ein Wert an sich sei, Risiko auf sich zu nehmen. Wobei sich fragt, ob diejenigen, die ostentativ ein Risiko eingehen, es wirklich auf sich nehmen und nicht auf andere.

Man erinnere sich an den Unternehmer Rainer Schaller, Veranstalter der „Loveparade“: „Ich bin 100 Prozent risikobereit“, „Ich gehe immer volles Risiko“, solche Sprüche liebte er – bis eines der Risken, die er so großmäulig einging (diesfalls eine Massenparty in einem ungeeigneten Gelände), zu einem Unglück mit 21 Toten führte.

Der dumme Slogan „No risk, no fun“ verbindet die Risikobesessenheit mit einer anderen Obsession unserer Zeit, dem Spaß. Verkörpert hat ihn die aus der Mode gekommene Modetorheit Bungee-Jumping, vorgeturnt u.a. von einem Landeshauptmann, der auch gern riskant Auto fuhr.

Tatsächlich bereitet es manchen Menschen offenbar Lust, Risken einzugehen. Es sind wohl dieselben, die das Mittelmaß belächeln, Kompromisse verachten, Vorsicht als Ängstlichkeit werten und am liebsten in Ausnahmesituationen leben und arbeiten. Keine Frage: Solche Menschen können ermunternd und belebend wirken; eine Gesellschaft, die sie völlig unterdrückt, verzichtet auf Impulse.

Aber sie können erstens ziemlich nerven mit ihrer Draufgänger-Attitüde; zweitens neigen sie, wie gesagt, dazu, anderen Menschen generös Risken aufzubürden, den General zu spielen und Soldaten für sich an die Front zu schicken. Man tut also gut daran, sie zu bremsen, zu mäßigen, zu moderieren, einzubinden. Sie dürfen es halt nicht merken, sonst werden sie böse.

Genauso sollten wir ihnen vielleicht verschweigen, was Scott Huettel von der Duke University soeben in Psychological Science publiziert hat: Das Klischee, dass Risikofreude von überschäumender Männlichkeit zeuge, stimmt bestenfalls halb. Bei einer Testreihe kam heraus: Unter den Risikospielern sind zwar solche mit überhöhten Testosteronwerten, aber auch solche mit besonders niedrigen.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2011)