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„Eine Strafe ist das. Eine Strafe dafür, dass ich nichts gelernt habe, dass ich Kinder habe, keinen Mann habe. Dass ich kein Geld habe. Dafür sitze ich hier. Dafür sitze ich hier ein. Und ich sitze hier jahrzehntelang.“ Eine Erzählung.

Nur heute: die Angebote des Tages: Mannerschnitten im Zehnerpack, Sechsertranche Vöslauer Weingartenpfirsich und Selchroller aus biologischer Tierhaltung zum Tiefstpreis. Greifen Sie zu!“ Die Frau hat tatsächlich alle Angebote im Einkaufswagen. „17,65, bitte“. Jetzt kramt sie nach ihren Centmünzen, schneller ginge es, wenn ich einfach herausgebe. Früher mit den Schillingen und Groschen war das leichter. Da haben die Alten ein bisschen schneller gekramt, obwohl sie schon die dritte Währung in der Geldtasche hatten, oder waren sie nur jünger damals? Sitze ich schon so lange an der Kasse, dass ich mich an den Schilling erinnern kann? Wann war das? Vor neun, zehn Jahren? Und wie lange sitze ich noch hier, noch einmal zehn Jahre? Wer weiß, wann man in Pension gehen kann. Wahrscheinlich mit 75, das wären weitere 25 Jahre. Das klingt wie eine Strafe, die man absitzen muss. Ist es auch. Eine Strafe. Eine Strafe dafür, dass ich nichts gelernt habe, dass ich Kinder habe, keinen Mann habe. Dass ich kein Geld habe. Dafür sitze ich hier. Dafür sitze ich hier ein. Und ich sitze hier jahrzehntelang.

Wenigstens lernt die Kleine gut in der Schule. Sie wird hier nicht sitzen müssen. Nicht einmal vorübergehend. Der Filialleiter ist schon auf sie aufmerksam geworden. Bringen Sie sie ruhig her, Frau Bronski, hat er letzte Woche gesagt, sie kann in den Ferien schon einmal ein bisschen hereinschnuppern. Schnupperlehre, nicht wahr! Ich weiß genau, was der will. Ich glaube, der ist nur deswegen Filialleiter geworden, damit er mit seiner Schweinsnase an den jungen Mädchen herumschnuppern kann. Warum ist er eigentlich zum Filialleiter aufgestiegen? Der ist seit ein paar Jahren hier, ich seit über zehn. Eine Filialleiterin gab es hier nie. Immer die jungen Schnösel, die man uns vor die Nase setzt und die keine Ahnung haben.Aber da finden sich ausreichend Gründe. Die Kinder zum Beispiel.Wie soll man Filialleiterin werden mit Kindern? Die sind ja ständig krank.Der Filialleiter hat auch Kinder. Kleine. Der hat aber die Frau dazu, die sich kümmert. Bei Scharlach muss er nicht zu Hause bleiben. Seine Frau arbeitet Teilzeit, wo sie jederzeit ersetzt werden kann. Aber so ein Filialleiter hat natürlich eine Verantwortung und kann nicht einfach ersetzt werden, durch eine Kassierin zum Beispiel. Sie soll in ein nettes sauberes Büro, aber nicht in den schmutzigen Laden hier. Sie soll überhaupt nicht mehr hierherkommen, sie braucht mich nicht abzuholen.

„Nur heute: die Angebote des Tages: Mannerschnitten im Zehnerpack, Sechsertranche Vöslauer Weingartenpfirsich und Selchroller aus biologischer Tierhaltung zumTiefstpreis. Greifen Sie zu!“ Das haben sie vorzwei Monaten eingeführt, es raubt einem denletzten Nerv. Und ewiges Musikgedudel. Den Kunden ist es egal, die gehen wieder. Der Filialleiter soll sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. „Die Äpfel müssen's abwiegen, gnä' Frau! Na, ich geh schon.“ Da hat man wenigstens ein bisschen Bewegung, das ewige Sitzen, davon kommen ja die Kreuzschmerzen. Seien Sie froh, dass Sie bei der Arbeit sitzen können, hat mir der Filialleiter frech ins Gesicht gesagt, andere müssen den ganzen Tag stehen, sogar in manchen Bankfilialen müssen die Angestellten am Schalter stehen, da denkt man, Bankangestellte wären was Besseres, nicht wahr, Frau Bronski, aber nein, die stehen und Sie sitzen, wer hat es nun besser? Müssen Sie halt Rückengymnastik machen. Oder wollen Sie ins Lager? Da haben Sie ein bisschen Bewegung, aber Sie verdienen entsprechend weniger. Der Filialleiter gehört ins Lager. Der setzt sich nicht einmal an die Kasse, wenn die Leute schon an der Wursttheke anstehen. Ein bisschen mehr Tempo, Frau Bronski, Sie sehen doch, die Leute! Keinen Fuß mehr soll meine Tochter in diesen Saftladen setzen.

Wenigstens ist der Lukas versorgt. Wenigstens dafür hat sein Vater gesorgt. Nachdem er mit Ach und Krach die Matura geschafft hat. Von Studieren war ohnehin keine Rede. Aber die Kleine soll studieren. Sie will Geld verdienen, was lernen sollst du, sage ich immer, lern was Gescheites, dann brauchst du an keiner Kasse sitzen. Aber Mama, ich will dir doch helfen! Du hilfst mir am besten, indem du lernst, studierst, sage ich. Ich kann lernen und arbeiten, sagt sie. Nichts da, du konzentrierst dich aufs Lernen. Arbeiten muss man früh genug. Und lange genug. Sie kann wahrscheinlich erst mit 80 in Pension gehen. Wenn überhaupt. Wenn die Leute 120 werden, muss man wahrscheinlich bis 90 arbeiten oder länger, bis 100. Wie soll das sonst finanziert werden? 120 ist möglich, erst kürzlich habe ich von einer Frau gelesen, die mit 118 gestorben ist. An ihrem 115. Geburtstag hat man sie gefragt, was ihr Rezept sei, und sie hat gesagt, sie trinke jeden Tag zwei Gläser Rotwein, rauche und esse mindestens eine halbe Tafel Schokolade. Also sie mache all das, was man eigentlich nicht machen sollte. Sie hat ausgesehen wie ein alter Stein, der sehr lange im Wasser gelegen ist.

„So, da haben Sie Ihre Äpfel zurück.“ Dass die Leute nicht wiegen können. Na ja, die Frau ist alt. Obwohl, für zukünftige Verhältnisse ist sie eher jung, erst 70, 75. Wie ein nasser Stein sieht sie nicht aus. Eher vertrocknet, ausgedörrt. Die könnte noch 20 Jahre lang arbeiten. So wie der Heesters, der tritt mit seinen über 100 Jahren noch auf und singt. Der hat aber eine junge Frau, die alles für ihn macht. Die ist 50 und hält ihn jung. Oder ist die schon 60? Letztens auf dem Foto in der Gala hat sie ziemlich alt ausgesehen. Nicht mehr frisch. Ausgelaugt. Die wird von dem Heesters aufgesaugt, bis sie nicht mehr kann. Wahrscheinlich stirbt sie vor ihm, sobald er sie vollständig aufgesaugt hat. Dann bleibt nur eine leere Hülle von ihr zurück. Hat ihre guten Jahre einem Greis geopfert. Und das Opfer dauert an. Also gnädige Frau, suchen Sie sich gefälligst eine Arbeit mit ihren 70 Jahren! Als Leihoma zum Beispiel. So sieht die aber nicht aus. Ist schon total gebrechlich. Wer will denn seine Kinder so einem alten Menschen anvertrauen. Was soll denn die Frau noch arbeiten? Wenn sie nicht einmal die Äpfel abwiegen kann. Oder will. Es geht immer um den Willen, nicht um das Können. Ohne den Willen geht gar nichts. Nicht einmal das Abwiegen.Und warum soll man in diesem Alter noch etwas wollen, man hat immer gearbeitet, in einem faden oder schrecklichen Beruf, oder als Hausfrau dem Mann den Rücken frei geschaufelt, damit der zu Hause seine Ruhe hat, Kinder großgezogen, die einem nicht danken und nur warten auf das bisschen Erbe.

„Nur heute: die Angebote des Tages: Mannerschnitten im Zehnerpack, Sechsertranche Vöslauer Weingartenpfirsich und Selchroller aus biologischer Tierhaltung zum Tiefstpreis. Greifen Sie zu!“ Was gibt es Neues?, fragen die Alten. Sie erwarten Berichte von draußen. Sie hören aber gar nicht zu, wenn man etwas erzählt, wollen gar nicht wissen, wie es den Kindern, Enkelkindern wirklich geht. Erfolgsmeldungen, Katastrophenmeldungen, die Alten kann ohnehin nichts mehr erschüttern, kaum etwas ist neu für sie, sie haben alles schon erlebt, sie fragen aus Gewohnheit, damit der Redestrom nicht abreißt, damit nur keine Stille entsteht, damit keiner bemerkt, dass man sich seit Jahren, Jahrzehnten im Kreis dreht und sich nichts zu sagen hat, sich nie etwas zu sagen hatte.

Die Enkel schweigen, sie sind in der Pubertät, das gilt heutzutage als Entschuldigung für alles. Das Gehirn sieht bei ihnen aus wie eine Baustelle, die ständig zusammenbricht und sich wieder neu aufbaut oder so, das hab ich neulich gelesen, ich weiß nicht mehr, wo, in der Gala jedenfalls nicht. Ich glaube, das Gehirn von meinem Vater ist auch eine Baustelle, allerdings baut sich da nichts mehr auf, es bricht nur noch zusammen. Die Welt ist ihm fremd geworden, nicht einmal fernsehen kann er mehr, er begreift nicht, was auf dem Schirm vor sich geht, alles geht so schnell, die Leute reden unverständliches Zeug, halb deutsch, halb englisch, ein Kauderwelsch, als ob sie eine Packung Kaugummi im Mund hätten, und wie die alle angezogen sind. Halbnackt und bunt, wie im Urlaub. Manche Sachen verstehe ich eigentlich auch nicht mehr. Und ständig wird gekocht, warum wird im Fernsehen dauernd gekocht? Früher gab es einen Fernsehkoch einmal in der Woche, und das war's, das war völlig ausreichend. Er lebt in seinen Erinnerungen und versucht, diese irgendwie in Einklang zu bringen mit der modernen Welt, die manchmal gegen ihn prallt.

„35,60, danke, 4,40 zurück. Auf Wiedersehen.“ 17,80, könnten Sie kurz die Tasche hochheben, danke. Man sieht es den Leuten nicht an, ob sie Ladendiebe sind oder nicht. Da liegt das teure Parmesandreieck unter der Handtasche, und die feine Dame behauptet, sie habe es nicht bemerkt. Mir persönlich ist es egal, sollen sich die Leute die Manteltaschen ausbeulen, wie sie wollen. Aber wir sind angehalten zu kontrollieren, wir werden selbst kontrolliert, durch Kameras, durch den Filialleiter, der ständig hinter uns herschnüffelt. Er hat einmal einen Dieb gestellt, einen armen Kerl, der sich zwei Wodkaflaschen in die Ärmel von seinem Mantel gesteckt hat. Mit hängendem Kopf hat der auf die Polizei gewartet. Tagelang ist der Filialleiter mit aufgeblasener Brust durch den Supermarkt stolziert und hat sich wichtig gemacht. Dabei war es eine Kollegin, die ihn auf den Mann aufmerksam gemacht hat. Er selbst kriegt nichts mit, weil er damit beschäftigt ist, jungen Kolleginnen auf den Hintern zu glotzen und anzügliche Bemerkungen zu machen. Das ist sein Hauptjob.

„Frau Bronski, könnten Sie morgen für Frau Gruber einspringen? Sie hat gerade angerufen, sie liegt mit Fieber im Bett.“ Typisch, dass er sich von hinten anschleicht. Soll er sich doch selber an die Kasse setzen. Morgen ist mein freier Tag.

Der geht sicher in Swingerclubs, da stehen dann die Herren herum und überlegen, wie sie sich auf die zwei, drei Frauen stürzen können. Ich habe mir das auch schon einmal überlegt, es ist so mühsam mit den Männern, kaum kommt man sich ein bisschen näher, hocken sie dir schon auf dem Sofa und wollen bekocht und bemuttert werden. Sie stellen die Möbel um, drohen alles zu reparieren und zu erneuern, kaufen sinnlose Geräte wie elektrische Dosenöffner oder Mini-Wasserkocher für eine Tasse Tee. Am Ende erkennt man seine eigene Wohnung nicht wieder. Ein zu hoher Preis für das bisschen Zärtlichkeit! Gleich zwei Straßen weiter ist ein Club, der ein besonderes Motto hat: Eine Atmosphäre zu schaffen, in der Frauen sich wohlfühlen, und als individuelle sexuelle Wesen, nicht als Objekte, wahrgenommen werden, ist unser größter Anspruch. Irgendwie habe ich mir diesen langen komplizierten Satz aus dem Internet gemerkt, aber hingegangen bin ich trotzdem nicht. Die Einträge im Gästebuch waren gar nicht ordinär, und ich dachte, da geht es doch eigentlich sehr kultiviert zu.

„Nur heute: die Angebote des Tages: Mannerschnitten im Zehnerpack, Sechsertranche Vöslauer Weingartenpfirsich und Selchroller aus biologischer Tierhaltung zum Tiefstpreis. Greifen Sie zu!“ Ich höre einfach nicht mehr hin. Als Singledame ist man begehrt, muss meist keinen Eintritt zahlen, aber ich habe mich nicht getraut. Womöglich treffe ich den Filialleiter dort, oder einen Kunden. Von außen sieht es ganz unscheinbar aus, ich muss da jeden Tag vorbei. Ich könnte Gitte einmal fragen. Zu zweit ist es sicher weniger peinlich. Vielleicht war sie selbst schon einmal? Es gibt Schnupperabende, Tag der offenen Tür, jeden ersten Sonntag im Monat, und einen Abend nur für Frauen, Ladies First Night,mit Herrenstriptease. Singlemänner werden erst ab Mitternacht eingelassen.

„Frau Bronski, haben Sie nun morgen Zeit oder nicht?“

„Ja, kein Problem, ich komme.“

„Schön, vielen Dank, Frau Bronski, Sie nehmen dafür nächste Woche Zeitausgleich.“

Zeitausgleich! Wenn es wenigstens bezahlt würde. „54,30, oh, ganz genau, danke.“ Da hat einer was zu feiern, Bier und Sekt, gesalzene Nüsse, geräucherten Lachs und Gervais, Baguette. Ich werde Gitte heute abend anrufen. Wie spät ist es eigentlich, erst 17 Uhr 34, zwei Stunden noch. Sie schreiben einen Dresscode vor, erotisches Outfit. Ich weiß gar nicht, ob ich so etwas habe. Da müsste ich mir neue Unterwäsche kaufen, Strapse, Korsagen und so Zeug. Halterlose Strümpfe. Ich habe ein Unterkleid aus blauer Seide, ziemlich kurz, ein bisschen eng ist es mir schon, aber das ist wohl nicht das Richtige. Hochhackige Schuhe habe ich auch keine. Sie machen regelmäßig Themenabende, Klinik oder Red'n black night. Was die Herren wohl anhaben? Getigerte Slips? Oder schwarze Lederhosen mit einem Ausschnitt im Schritt? Wenn ich mir den Filialleiter in so was vorstelle...

„Kommt Ihre Tochter Sie heute abholen, Frau Bronski?“

„Mein Gott, haben Sie mich erschreckt! Nein, heute nicht.“

Der Kerl hat sich schon wieder von hinten angeschlichen. Wahrscheinlich macht er das im Swingerclub genauso.

„Schade! Fragen Sie Ihre Tochter, wann sie ihre Schnupperlehre machen will. Sie könnte nächsten Monat schon anfangen. Ich zeige ihr alles.“

Das werde ich zu verhindern wissen.

„Na dann, ich gehe heute etwas früher. Schönen Abend noch, Frau Bronski! Wir sehen uns.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2011)