Katz-und-Maus-Spiel in Chinas Medien

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In jüngster Zeit schaffen es einige chinesische Zeitungen, Skandale aufzudecken, die Chinas Öffentlichkeit bewegten, Wie sie dabei vorgehen, erzählt die aus aus Taiwan stammende Journalistin Nailene Chou Wiest.

Trotz aller Zensur haben chinesische Zeitungen und das Internet zuletzt immer wieder Skandale aufgedeckt, die Chinas Öffentlichkeit bewegten. Etwa den Fall eines jungen Mannes, der eine Frau überfuhr und den Umstehenden zurief, man könne ihm nichts anhaben, weil sein Vater ein mächtiger Funktionär sei. Oder den Skandal, den die renommierte Pekinger Zeitschrift Caixin kürzlich aufdeckte: Angestellte der Familienplanungsämter in der Provinz Hunan hatten 16 Bauernfamilien das zweite oder dritte Kind weggenommen – zur Strafe, weil sie gegen die Einkindpolitik verstoßen hatten. Sie gaben die Kinder als Waisen aus und vermittelten sie zur Adoption ins Ausland.

Trotz solcher Aufdeckungsfälle klagen chinesische Journalisten darüber, dass ihre Arbeitsbedingungen immer schwerer werden. Die 63-jährige Nailene Chou Wiest ist seit vier Jahren Gastprofessorin für Journalismus in Peking. Die aus Taiwan stammende Professorin mit französischem Pass hat lange als Korrespondentin aus China berichtet.

 

Die Presse: Chinas Zeitungen sind heute voll von kritischen Artikeln über Bestechung, Umweltskandale und andere Probleme. Wird die Presse freier?

Nailene Chou Wiest: Nein, allerdings haben die Medien inzwischen eine beachtliche Geschicklichkeit entwickelt, sich den Anschein von Offenheit zu geben. Wer genau hinsieht, erkennt, dass gewisse Themen erlaubt, andere vollständig tabu sind.

Berichte über Korruption sind erlaubt?

Ja, aber nur über Korruptionsskandale auf unterer Ebene. Geht es höher hinauf, dürfen die Medien nur solche Fälle aufgreifen, die von der Regierung freigegeben wurden. Es gibt einige wenige einflussreiche Zeitschriften, die weiter gehen dürfen als andere, aber nicht viele.

 

Sind die Zensoren heute aktiver?

Gewiss. Die Lage wird schlechter. Die Verschärfung der Zensur hat vor sieben, acht Jahren begonnen.

Woran liegt das?

Die Behörden fürchten sich nicht so sehr davor, dass irgendein großes Problem in China zu Unruhen wie im arabischen Raum führen könnte. Sie haben eher Angst davor, dass sich aus irgendeinem der zahlreichen kleineren Konflikte im Land ganz plötzlich etwas entwickelt, das einen Flächenbrand massiver Unzufriedenheit entzünden könnte. Deshalb beobachten sie die Debatten in den Medien und im Internet genau. Sobald ein Thema zu heiß debattiert wird, beenden sie es von einem Moment auf den anderen. So war es zum Beispiel im Fall von Li Gang.

 

Dessen Sohn eine Frau mit dem Auto überfuhr und sich hinter seinem einflussreichen Vater verstecken wollte.

Das brachte die Leute sehr auf, sie sahen darin ein Beispiel für die Arroganz der Macht. Die Behörden ließen die Debatten in den Zeitungen und im Internet zunächst eine Weile zu – aber mittlerweile ist es nicht mehr möglich, Artikel zu diesem Thema zu veröffentlichen, auch wenn man wissen will, wie es mit dem Fall weitergegangen ist.

 

Woher wissen die Redaktionen, wann Schluss ist?

Es gibt keine Vorzensur, man muss die Artikel nicht vorlegen, bevor sie veröffentlicht werden. Die Redakteure erhalten die Anweisungen von der Propaganda-Abteilung – meist per Telefon, manchmal werden sie zu einer Versammlung einberufen. Einige der mutigeren Publikationen versuchen, ihre Artikel sehr schnell zu veröffentlichen, noch bevor Anweisungen eintreffen. Sie wissen, dass die Behörden sie nur selten zwingen werden, die ausgelieferten Exemplare zurückzuziehen, weil das die Neugier der Öffentlichkeit steigern würde.

 

Ein Katz-und-Maus-Spiel.

Chinas Journalisten müssen dieses Spiel spielen, wenn sie ihre Geschichten in die Öffentlichkeit bringen wollen. Einer meiner Bekannten, ein Redakteur, hat mir gesagt, dass er mittlerweile so viele Selbstkritiken geschrieben habe, dass er solche schriftlichen Eingeständnisse innerhalb von fünf Minuten schreiben kann. Auf der anderen Seite sind die Direktiven der Propaganda-Abteilungen hie und da wohlmeinend: Während der nationalen „Woche des Bücherlesens“ baten sie darum, Artikel über gute Bücher und die Nützlichkeit des Lesens zu veröffentlichen.

 

Und wie funktioniert das im Internet?

Sie kontrollieren die Nachrichten-Portale. Wer die Anweisungen der Propaganda-Abteilungen nicht befolgt, darf seine Nachrichtenseite 24 Stunden lang nicht aktualisieren. Das ist tödlich fürs Geschäft. Und aus den Mikroblogs (ähnlich Twitter) filtern sie heikle Begriffe. Für Leute wie mich – und vermutlich 80 Prozent der Chinesen, die technisch nicht so fit sind – ist das ziemlich effektiv. Meine Studenten wissen natürlich, wie man die Zensur überwindet. Viele von ihnen haben Facebook-Seiten, obwohl Facebook in China blockiert ist.

 

Was ist eine gute chinesische Zeitung?

Gute Blätter bringen Geschichten, über die man im ganzen Land spricht – und das nicht nur einmal. Davon gibt es gar nicht wenige. Eine Geschichte wie die über das Paar, das zu Hause Pornos schaute. Die Polizei drang in ihre Wohnung ein und konfiszierte die DVDs. Darüber haben alle gesprochen.

 

Was macht Redaktionen mutig?

Ein Grund ist das Geld: Die Leser geben ihre schwer verdienten Renminbi (chinesische Währung, Anm.)lieber für Artikel aus, die nicht dasselbe bringen wie alle anderen. Mutigere Redaktionen finden mehr Leser und damit auch mehr Werbekunden. Das ist gut fürs Geschäft, funktioniert allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: Sobald die Medien richtig profitabel sind, werden sie wieder vorsichtiger. In Chinas Redaktionen gibt es jedenfalls viele Journalisten, die idealistisch sind und gute Berichte verfassen wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2011)