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Folgt Arabischem Frühling der türkisch-israelische Herbst?

(c) AP (Stuart Price)
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Die neue Wirtschaftsmacht Türkei strebt eine Führungsrolle im Nahen Osten an und will, dass Israel diese anerkennt. Mit dem Konflikt mit Israel würde auch dem Iran die „moralische“ Führerschaft in der Region strittig gemacht.

Der türkische Premier Tayyip Erdoğan hat weitere Sanktionen der Türkei gegen Israel angekündigt, Israel einen „ungezogenen Jungen“ genannt und ein verstärktes Erscheinen der türkischen Flotte im östlichen Mittelmeer angekündigt. Der Aufschrei ist groß: Israel habe mit seiner Weigerung, sich zu entschuldigen, die so gar nicht mehr zu hundert Prozent steht, Porzellan zerschlagen und einen strategischen Freund verloren. Und nun gieße ein emotionaler Erdoğan wieder einmal Benzin ins Feuer.

Ist dieser Konflikt wirklich nur das Ergebnis einer Kette von Fehlern und des Machoverhaltens einiger Politiker? Der türkische Außenpolitikexperte Cengiz Candar sieht es anders: Die Türkei strebe, von ökonomischem Erfolg getragen, nach regionaler Macht. Das bringe sie in Konflikt mit Israel und dem Iran. Hinter der Forderung nach einer Entschuldigung Israels wegen des Todes türkischer Aktivisten auf dem Schiff Mavi Marmara, so sehr sie auch gerechtfertigt sei, stehe die Forderung, dass Israel sich vor der neuen Regionalmacht Türkei verbeuge, meint Candar. Mit dem Konflikt mit Israel würde auch dem Iran die „moralische“ Führerschaft in der Region strittig gemacht.

Man kann den Bogen noch etwas weiter spannen. Über die künftige Rolle verschiedener Mächte in der arabischen Region wird der Einfluss entscheiden, den sie auf die arabische Revolution nehmen können und in welche Richtung diese gelenkt wird.

Israel hat hierzu offenbar keine Strategie. Die Türkei hat eine außenpolitische Niederlage hinnehmen müssen, als Syriens Machthaber Bashir al-Assad dem Wunsch des türkischen Außenministers Ahmet Davutoğlu nicht entsprochen hat, mit der Opposition glimpflicher umzugehen. Nicht bereit, dem Diktator in Damaskus echte Daumenschrauben anzulegen, stand die Türkei hilflos da.

 

Reise nach Kairo und Gaza

Doch die türkische Außenpolitik ist weiter am Ball. In Libyen hat sie es geschafft, sich wieder ins Spiel zu bringen, nachdem ihre anfängliche Anlehnung an Machthaber Muammar al-Gaddafi schon fast zur Erstürmung des türkischen Konsulates in Bengasi geführt hätte. Mit Ägypten hat man es nun ohnehin leichter, denn mit dem früheren Mubarak-Regime stand Erdoğans Partei ohnehin nie auf gutem Fuß. Nun reist der Premier am Montag nach Ägypten und eventuell weiter nach in den von der islamistischen Palästinenserorganisation Hamas beherrschten Gazastreifen. Auf der Agenda steht die Vereinbarung einer militärischen und ökonomischen Zusammenarbeit. Dies soll sich nicht gegen Israel richten, doch zumindest von der politischen Wirkung her wird es so sein. Ein solcher Schritt passt auch gut zu der gerade von Erdoğan angekündigten völligen Aufgabe der militärischen Zusammenarbeit mit Israel.

Der logische Angelpunkt für das Aufflackern der Probleme mit Israel und die Hinwendung zu Ägypten findet sich in der Aussage des türkischen Außenministers Davutoğlu, der Arabische Frühling könne zu einer feindseligen Haltung gegen Israel führen. Mit anderen Worten, eine Konfrontation mit Israel könnte der Türkei eine Führungsrolle in der Region verschaffen, von der Davutoğlu und Erdoğan träumen.

Kann man heute wirklich noch die arabischen Massen mit der gleichen Politik gewinnen wie der ägyptische Staatschef Gamal Abdel Nasser vor einem halben Jahrhundert? Der Versuch, die ganze arabische Revolution wieder unabhängig von ihren Ursachen auf die alte Spule des arabisch-israelischen Konfliktes zu winden, steht diametral zu Europas Interessen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2011)