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Ein Interview ist ein Interview!

Die Zeitung „Österreich“ verletzt Anstandsregeln des Journalismus: Sie verkauft eine Plauderei als Interview. Und sie bricht Sperrfristen.

In der Zeitung „Österreich“ ist am Sonntag – nicht zum ersten Mal – ein Interview mit einem Menschen erschienen, der aussagt, er habe „Österreich“ gar kein Interview gegeben. Diesfalls ist es Hugo Portisch, dem man glaubt, was er im „Kurier“ sagt: „Ich habe der Redakteurin sofort klargemacht, dass ich kein Interview vor der Pressekonferenz gebe.“ Er habe aus Höflichkeit dennoch mit der Redakteurin „geplaudert“.

„Österreich“ schoss scharf zurück: Der „Kurier“ habe „Verfolgungswahn“, er habe das Portisch-Buch „verschlafen“. Das ist eine Unterstellung: Es ist ein guter, bewährter Brauch, dass es für Bücher eine „Sperrfrist“ gibt, vor der keine Rezension veröffentlicht werden soll. Das bringt den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass die Rezensenten Zeit genug haben, das Buch zu lesen. Diese Zeit nahm sich „Österreich“ nicht: Die Redakteurin hatte nicht einmal die Druckfahnen des Portisch-Buchs vom Verlag bekommen, als sie den Artikel (auf Seite eins angekündigt: „Das steht im neuen Bestseller“) verfasste! Hauptsache „exklusiv“, egal mit welchen Schlichen.


Und das Interview? Steht hier Interpretation gegen Interpretation? Kann man nicht auch eine Plauderei als Interview verkaufen? Nein. Auch diese Vorgangsweise rührt an den Grundfesten des anständigen Journalismus. Ein Journalist, der mit einer Person ein Interview führen möchte, hat zu akzeptieren, wenn diese das verweigert. Auch diese Abgrenzung des Interviews von einem „normalen“ Gespräch oder einer Plauderei ist höchst sinnvoll. Wenn sich kein Mensch davor sicher sein kann, dass locker dahingesagte Bemerkungen gedruckt werden, wird kein Mensch mehr mit uns Journalisten reden, wie man mit Leuten redet, die man schätzt: Man nimmt sich kein Blatt vor den Mund, weil man sich darauf verlassen kann, dass der Gesprächspartner nicht alles weitererzählt.

Wenn die Kollegen von „Österreich“ das anders sehen, ist das ihre Sache. Leider schaden sie mit ihren, um es freundlich zu sagen, extravaganten Methoden dem Ansehen unseres Standes. So ist es weder hochnäsig noch wehleidig, wenn Journalisten deutlich sagen: Wir distanzieren uns von „Österreich“.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2011)