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Integrationspolitik: Berlin wehrt sich gegen Erdoğans Schelte

(c) EPA (WOLFGANG KUMM/POOL)
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Türkischer Premier Recep Tayyip Erdoğan kritisierte anlässlich seiner Visite in der Bundesrepublik Deutschland die Forderung nach Deutschkenntnissen von Migranten. Junge Türken müssten zuerst Türkisch lernen.

Berlin. Es hat schon Tradition: Recep Tayyip Erdoğan reist nach Berlin, und ganz Deutschland ist verschnupft. Auch bei dem gestrigen Besuch anlässlich des 50. Jubiläums des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens (der Pakt war der Startschuss für die Migrationswelle nach Deutschland) machte der türkische Premier klar, dass er von der deutschen Integrationspolitik wenig hält: In einem Interview mit der „Bild“-Zeitung übte Erdoğan Kritik an der Regelung, wonach Neuankömmlinge Deutschkenntnisse nachweisen müssen. „Wer Deutschkenntnisse zur wichtigsten Voraussetzung erklärt, verletzt die Menschenrechte.“ Junge Türken müssten zuallererst Türkisch lernen.

In Berlin war man verstimmt, Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ging auf Konfrontationskurs. Die erste Sprache für junge Türken in Deutschland müsse Deutsch sein, insistierte er. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Schulabbrecherzahlen sinken, und eine der zentralen Voraussetzungen dafür ist die deutsche Sprache.“

 

„Vorurteile gegen Deutschland“

Erdoğans Schelte brachte sogar die Grünen in Wallung. „Unerträgliche Stimmungsmache“, schimpfte der türkischstämmige Innenexperte der Partei Memet Kilic. Der Grüne sieht innenpolitische Motive am Werk. „Erdoğan schürt Vorurteile gegen Deutschland, um damit bei den Hardlinern im eigenen Land zu punkten.“

Angela Merkel hingegen verpackte ihren Konter in diplomatische Zurückhaltung. „Jeder muss wissen, dass Sprachkenntnisse Voraussetzung sind, um hier beruflich erfolgreich zu sein“, mahnte sie in ihrer Rede im Auswärtigen Amt. Erdoğan legte nach und forderte die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft für seine Landsleute. Die Kanzlerin lehnte freundlich, aber bestimmt ab. „Ich bezweifle, dass die Integration besser funktioniert, wenn man zwei Staatsbürgerschaften hat.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2011)