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Krise: Deutschland entwickelt Worst-Worst-Szenario

Krise Deutschland entwickelt WorstWorstSzenario
(c) REUTERS (FABRIZIO BENSCH)
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Bis vor wenigen Wochen war das Verlassen der Eurozone durch einzelne Länder, allen voran Griechenland, ein politisches Tabu. Nun wird in Berlin bereits an möglichen Szenarien gearbeitet.

Wien/Jaz/Ag. Der G20-Gipfel in Cannes Anfang November brachte die Wende. Zuvor war es in Paris oder Berlin undenkbar, den Austritt eines der Krisenländer aus der Eurozone auch nur anzudenken. Doch als der ehemalige griechische Ministerpräsident Georgios Papandreou die anderen Eurostaaten mit der Ankündigung überraschte, sein Volk über das am EU-Gipfel beschlossene Sparprogramm per – inzwischen wieder abgesagtem – Referendum abstimmen zu lassen, platzte der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel der Kragen. „Es geht um die Frage, ob Griechenland in der Eurozone verbleiben möchte. Wir sind gewappnet“, sagte sie damals.

Unterdessen haben sich die Griechen zwar eindeutig für einen Verbleib in der Eurozone entschieden, ganz traut man in Berlin dem hellenischen Frieden anscheinend aber noch nicht. So hat die deutsche Bundesregierung von ihren Beamten laut einem Bericht des „Spiegel“ bereits drei Szenarien durchspielen lassen, die klären sollen, was ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone für die anderen Länder der Gemeinschaftswährung bedeuten würde.

Das erhoffte Basis-Szenario würde demnach dazu führen, dass alles nicht so schlimm kommt, wie von vielen im Fall eines Austritts erwartet wird. Griechenland hätte zwar anfänglich mit Turbulenzen zu kämpfen, langfristig würde sich die Lage jedoch wieder stabilisieren. Die Eurozone wäre ohne ihr schwächstes Glied sogar stärker. Länder wie Italien oder Spanien könnten sich auf die Bewältigung ihrer eigenen Probleme konzentrieren, ohne von negativen Nachrichten aus Griechenland wieder nach unten gezogen zu werden. Dadurch würde es für diese Länder nach Ansicht der deutschen Regierungsexperten auch wieder einfacher, sich Geld am Kapitalmarkt zu besorgen.

 

Auch Worst-Worst-Szenario entwickelt

Nicht ganz so rosig zeigt sich die Situation im ebenfalls nicht unwahrscheinlichen mittleren Szenario. Der Austritt Griechenlands würde demnach die Verunsicherung der internationalen Anleger bei Staatsanleihen von Italien und Spanien weiter erhöhen. Die Finanzierungskosten dieser Länder würden daher ebenfalls weiter steigen. Dies würde es notwendig machen, dass der europäische Rettungsschirm EFSF einspringt und die Rekapitalisierung der bestehenden italienischen und spanischen Schulden übernimmt. Damit die EFSF das auch schafft, müsste sie schnellstmöglich so aufgerüstet werden, dass sie über ein Finanzierungsvolumen von einer Billion Euro verfügt. Ein Schritt, der bereits in den vergangenen Wochen mittels „Hebelung“ des Schirms durch privates Geld diskutiert worden war. Bislang scheiterte die Umsetzung jedoch am Widerstand Deutschlands und dem fehlenden Interesse von Geldgebern in Ländern wie Russland oder China.

Noch schlimmer wären die Auswirkungen im Worst-Worst-Szenario, dass aber nicht als das wahrscheinlichste gilt. Laut diesem würde die neue griechische Drachme dramatisch gegenüber dem Euro abwerten. Weil die griechische Staatsverschuldung in Euro notiert bleibt, würde sie trotz Schuldenschnitts ebenso dramatisch ansteigen. Die Geldversorgung des Landes, der Banken und somit auch der griechischen Wirtschaft würde weiterhin stocken. Da auch viele Unternehmen ihre Schulden nicht mehr bedienen könnten, würden sie in Konkurs gehen. Die Folge wäre ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit und ein Rückgang des Inlandskonsums. Griechenland würde in einen Teufelskreis verfallen und könnte andere Länder mitziehen.

Damit es nicht soweit kommt, haben Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Wochenende den neuen griechischen Ministerpräsidenten Lucas Papademos aufgefordert, das Ende Oktober vereinbarte Sparprogramm „vollständig“ umzusetzen. Nur dann könne sein Land auch Mitte Dezember die nächste Milliardentranche aus dem Rettungsfonds erhalten. Anders als sein Vorgänger hat Papademos nun auch den Rückhalt der Bevölkerung. Laut jüngsten Umfragen stehen 75 Prozent der Griechen hinter ihm.

Auf einen Blick

Die deutsche Regierung hat drei Szenarien über einen möglichen Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone durchspielen lassen. Beim Basis-Szenario würde sich die Lage nach kurzen Turbulenzen wieder stabilisieren. Langfristig wäre die Eurozone sogar gestärkt. Beim Worst-Case-Szenario würden sich die Probleme für Spanien und Italien verschärfen. Beim „Worst-Worst-Szenario“ verfällt Griechenland in einen jahrzehntelangen Abschwung und reißt andere Länder mit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2011)