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Berlin-Besuch: Sebastian Kurz hört zu

Kurz hoert
(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz besuchte in Berlin Schulen mit hohen Ausländeranteilen und Moscheen, deren Imame die Türkei zahlt. Probleme wie sie zum Teil auch Wien kennt.

Sebastian Kurz hat viel Glück. Als er vor sieben Monaten den schwierigen und vage definierten Job eines Staatssekretärs für Integration übernahm, wunderten sich nicht nur die Experten für Migration und Integration. Erfahrungen auf dem Gebiet hatte der 24–jährige Obmann der Jungen ÖVP bis dato keine. Aber Kurz hatte bei seinem neuen Chef Michael Spindelegger auf die Einrichtung eines Staatssekretariats gedrängt. „Dann mach es doch gleich selbst“, hatte ihm Spindelegger geantwortet. Jetzt macht Kurz es selbst. Die scharfe Kritik an ihm und die höhnischen Untertöne gegen einen „Schnösel“ in so einem sensiblen Job sind großteils verstummt. Zumindest vorerst.

Warum, lässt sich bei einem zweitägigen Arbeitsbesuch des Staatssekretärs in Berlin beobachten, wo Kurz vor allem eines macht: höflich sein – also zuhören, leise nachfragen und nicht zynisch reagieren. Es sind die berühmten Problemviertel und -schulen, die Kurz Ende der Woche im Stundenrhythmus besucht: Neukölln etwa, den Ghettobezirk Berlins, der seit Jahren durch die Medien geistert. Dort amtiert als Bürgermeister – vergleichbar mit einem Bezirksvorsteher – Heinz Buschkowsky. Der SPD-Mann ist bekannt, formuliert er doch provokante Thesen, wie sie Medien und in Neukölln auch die Wähler lieben. Dass es sehr wohl ein Ausländerproblem gebe. Dass die linken Utopien gescheitert seien. Dass das Kindergeld von Eltern gekürzt werden müsste, wenn deren Kinder nicht oder ständig zu spät in die Schule kämen. Dass Schulen mit Gewaltproblemen notfalls von einem privaten Sicherheitsdienst vor Jugendbanden geschützt werden müssten.

Kurz hört zu. Das mit den gescheiterten Utopien sieht er auch so, die Notwendigkeit der drakonischen Strafen nicht – zumindest nicht in Österreich: Der Problembefund mag stimmen, konstruktive Lösungsansätze vermisse er aber, wird er später sagen.

 

Lehrer als Schlüssel.

In der berühmten Rütli-Schule waren es die Lehrer, die vor einigen Jahren mit einem aufsehenerregenden Brief um Hilfe riefen: Es gebe große Probleme mit „gewaltbereiten“ Jugendlichen. Heute sieht es besser aus: Auch auf Druck Buschkowskys und dank privater Spender floss Geld, um eine individuelle Schulreform durchzuziehen, neue Lehrer zu engagieren und die alten zu motivieren. Wie die Lehrkörper überhaupt der Schlüssel für eine Entschärfung des Migrationsproblems in Berlin zu sein scheinen.

Die Erika-Mann-Grundschule in Wedding besuchte vor ein paar Wochen schon Angela Merkel und gerade der französische Kulturminister. Die forsche und energiegeladene Direktorin Karin Babbe begrüßt Kurz und führt im Laufschritt durch ihr Haus: knapp 90Prozent Kinder mit einer anderen Muttersprache, mehr als 80Prozent Moslems und rund 85Prozent aus Sozialhilfeempfänger-Familien. Die Zahl der Klassen (und der Schüler) wurde verkleinert, die der Lehrer erhöht, die gewonnenen Räume werden für Freizeitangebote der Ganztagesschule genützt. Pausen haben die Klassen zu unterschiedlichen Zeiten, dadurch entwickelt sich Individualität, sagt Direktorin Babbe, die Kurz daran erinnert, dass seine Schulzeit wohl auch nicht so lange her sei. Vielleicht kann der Staatssekretär daher gut mit den Kindern, die ihn beim Theater-Unterricht in einem schäbigen Turnsaal umringen. Er setzt sich auf den Boden, hört lachend zu. Selbst noch ein Kind oder ein Politiker, der weiß, welche Bilder zählen? Vielleicht beides.

Ohne Investitionen Privater ginge das nicht, erklärt Babbe und bietet Kurz selbst gebackene Weihnachtskekse an, die er begeistert isst. Eine Warnung gibt sie ihm auch noch mit: Der deutsche Föderalismus im Schulwesen sei die Pest, die Budgetverantwortung auf Landes- oder Bezirksebene lasse Autonomie der Schulen nicht zu. In Österreich plante Niederösterreichs Erwin Pröll einst Ähnliches.

Ernster geht es da in der Şehitlik-Moschee zu, wo Imam Tekin begrüßt: Nach gegenseitigen Respektsbekundungen will Kurz wissen, ob der Imam auf Türkisch oder Deutsch predige. Immer öfter auf Deutsch, lässt der Geistliche der Vorzeige-Moschee seinen Übersetzer sagen. Er werde wie so viele Imame von der Türkei bezahlt, war fünf Jahre hier und kehre bald nach Hause zurück. Ob es nicht besser wäre, in Deutschland ausgebildete Imame zu beschäftigen, fragt Kurz nach. (Österreich bildet ebenfalls Imame aus.) Nein, sagt Tekin: Denen fehle die Überzeugungskraft. Die Abhängigkeit von der Türkei sei ein „echtes Problem“, sagt Kurz nach dem Treffen. Wie er es lösen kann, weiß er auch noch nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)