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Jugend & Politik: "Die Alten haben die Macht"

KOSTUEMIERTE SCHUELER bei Bundeskanzler Faymann im Jahr 2008
(c) APA (Herbert Pfarrhofer)
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Die Verdrossenheit ist verständlich, die Politiker sind farblos, in der Schule wird "bullshit" gelehrt. Was die Jugendsprecher der Parlamentsparteien über die Jugendpolitik denken, zeigt ein Rundruf von DiePresse.com.

„Wenn man in den Medien sieht, dass das Thema Korruption alle Parteien betrifft, dann kann ich verstehen, dass die Jugendlichen sauer sind", sagt Stefan Markowitz (34), BZÖ-Jugendbereichssprecher im Parlament. Der Grund für die Verdrossenheit? „Die alten Politiker verstehen die Jungen nicht, weil sich deren Lebenswelt rasant verändert hat. Und es gibt halt vorwiegend alte Politiker", sagt Bettina Rausch (32) in einem Gespräch mit DiePresse.com. Sie sitzt für die ÖVP im Bundesrat und ist dort Vorsitzende im Ausschuss für Familie und Jugend.

„In Sonntagsreden sagen Politiker, die Jugend sei die Zukunft, aber in der Realität haben die Alten die Macht", so Rausch. Dies könne sich ändern, wenn Menschen aus der jungen Generation Politik machen. Dazu bräuchte es einen gesetzlich verankerten Jugendgemeinderat, so wie es ihn auch für Umweltthemen gebe. Heute glaubt die Jugend oft, "Politiker, das sind ein paar Leute, die ins Parlament gehen und zu viel bezahlt bekommen", sagt Rausch.

Die "farblosen" Großparteien

Bei der Nationalratswahl 2008 haben die Großparteien SPÖ und ÖVP unter den Erstwählern schlecht abgeschnitten. Die SPÖ erreichte 17, die ÖVP 11 Prozent der Stimmen. Der Grund: Den beiden schade ihre etablierte Struktur, sagt Tanja Windbüchler-Souschill (35), Jugendsprecherin der Grünen. Junge hätten das Gefühl, dass „die es sich schon richten können". Das schrecke ab.

FP-Jugendsprecher Christian Höbart (36) macht die „farblosen Bewerber" für die Schwäche der Großparteien verantwortlich. Seine Partei versuche dagegen mit Heinz-Christian Strache die Jugend dort abzuholen, wo sie sich in der Freizeit bewegt. „Wenn es um Seniorenpolitik geht, dann versucht man ja auch in Kaffeehäuser zu gehen".  Die FPÖ veranstalte daher Go-Cart-Rennen und versuche mit Discobesuchen zu punkten. Dort ergeben sich auch Gespräche, „wo man Botschaften fallen lassen kann". "Die sollen natürlich nicht zu tiefgründig sein", so Höbart.

Markowitz sieht das ähnlich: Parteien erreichen die Jugend nur, wenn sie der Typ anspreche. „Es ist lieb und nett wenn ein 60-Jähriger zu einer Diskussion mit Schülern geht. Ich mache ja auch keine Politik für Rentner". Anders sieht das die Jungendsprecherin des roten Parlamentsklubs, Angela Lueger. Warum solle sie als ältere Politikerin nicht für Junge Politik machen können, fragt die 46-Jährige. Anders als die anderen Parteien steht Lueger weniger im direkten Kontakt zur Jugend. Sie arbeitet eng mit der Bundesjugendvertretung und den Jugendanwälten zusammen. Die Disko überlässt sie den Jugendorganisationen der SPÖ.

Die Grünen versuchen die Jugend auf Festivals zu erreichen. Dort wird mit ihnen debattiert, denn Jugendliche „müssen immer wieder von Neuem angesprochen werden", sagt Windbüchler-Souschill. Bei der Nationalratswahl 2008 gab es für die Grünen laut einer Nachwahlstudie unter den 16 bis 19-Jährigen Erstwählern den höchsten Stimmenanteil (25 Prozent).

Was die Jugend bewegt?

Europa, Griechenland, Beschäftigung, Studienplätze, Studiengebühren und der Grundwehrdienst bewegen laut Markowitz die Jugend. Für Rausch sind es eher die kleinen Dinge im unmittelbaren Lebensumfeld: Ein Jugendraum, Freizeitangebote im Dorf, Möglichkeiten, um nach dem Feiern nach Hause zu kommen. Da müssten die Politiker „ihren Job machen". Für die FPÖ ist das Thema Arbeit ein „ganz wichtiger Faktor" - und "die schweren Missstände durch die missliche Zuwanderungspolitik", mit der die Jungen in besonderem Maße konfrontiert seien.

Die SPÖ sieht vor allem den Jugendschutz als brennendes Thema. "Die Ausgehzeiten und wann sie wo was trinken dürfen, interessiert die Jungen auf jeden Fall", so Lueger. Die Grünen Jugendlichen sind eher mit allgemeinen Themen wie Fragen der Gerechtigkeit, einem Bekenntnis gegen Faschismus und Rassismus anzusprechen, sagt Windbüchler-Souschill. Auch die Atomkatastrophe in Fukushima habe bewegt.

Facebook und Schule

In einem sind sich die Vertreter einig: Neue Medien braucht es, um die Jugend ansprechen zu können. Beim BZÖ sei jeder Abgeordnete auf Facebook, betont Markowitz. Die SPÖ müsse da noch "das richtige Maß finden" gibt Lueger zu. Sie selbst sei nicht angemeldet. Soziale Netzwerke würden immerhin auch Gefahren für junge Menschen bergen, darauf müsse geachtet werden. Bettina Rausch, selbst Mitglied der Jungen ÖVP (JVP), will Facebook und Co. nicht überbewerten: „Ich halte nichts davon, wenn sich jeder Abgeordnete auf Facebook anmeldet und dann nicht weiß, wie er kommunizieren soll. Er muss authentisch sein."

Mehr politische Bildung in der Schule, das ist für alle fünf Vertreter der Parteien vorstellbar. Für die Grünen hinkt Österreich im Europavergleich ohnehin hinten nach, obwohl man doch Vorreiter beim Senken des Wahlalters gewesen sei. Die FPÖ will sicherstellen, "dass der Unterricht von neutralen Lehrkräften gemacht wird", so Christian Höbart. Färbung dürfe nicht sein, stimmt auch Lueger zu.

Bettina Rausch sieht das lockerer: „Wenn ein Lehrer einen Schüler indoktrinieren wollte, dann könnte er das auch in Mathematik". Überhaupt müsse in den Schulen einiges geändert werden. Die Inhalte würden am Leben der Jugend vorbeigehen. "Wir lernen in der Schule bullshit", so Rausch und leider ist eine "Generation am Werken, die nicht versteht, was bei den Jungen abgeht."

Serie 'Jugend und Politik'

Haben Jugendliche kein Interesse an Politik? Was wünschen sie sich, und welches Angebot machen ihnen die Parteien? Diesen und weiteren Fragen geht DiePresse.com in den nächsten Wochen mit einer Serie an Interviews, Reportagen und Hintergrundgeschichten nach.