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Breivik: "Das Ziel war, alle zu töten"

Breivik-Prozess - Breivik hatte weitere Terrorziele in engerer Wahl
Anders Breivik(c) REUTERS (Stoyan Nenov)
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Am vierten Prozesstag wird der Massenmörder zur Planung seiner Taten befragt. Er hatte noch andere Ziele ins Auge gefasst. Das Ferienlager sei nur die zweite Wahl gewesen. Den Anschlag habe er mit einem Computerspiel geübt.

Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ist am Donnerstag zu seinen Vorbereitungen für die Attentate mit 77 Toten im vergangenen Sommer befragt worden.

Von seiner massiven Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel hat sich der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik mehr Opfer erwartet. "Die Kriterien für einen geglückten Angriff waren, dass mindestens die ersten Säulen der Gebäude zusammenbrechen und dass 12 Menschen sterben", sagte Breivik am Donnerstag vor Gericht in Oslo. "Das primäre Ziel war, die gesamte Regierung zu töten, inklusive dem Staatschef."

Neben dem Osloer Regierungsviertel habe er noch mehrere andere Ziele für Bombenanschläge in der engeren Wahl gehabt, sagte der 33-Jährige. Er habe sowohl das Hauptquartier der Arbeiterpartei, das Regierungsgebäude Stortinget, das Osloer Rathaus und ein Gebäude nahe der Zeitung "Aftenposten" überdacht, aber dann verworfen.

Er habe auch an das königliche Schloss gedacht, das von der Arbeiterpartei für Staatsbesuche genutzt werde. Wichtig sei ihm aber gewesen, der königlichen Familie keinen Schaden zuzufügen. "Ich bin Anhänger der Monarchie", betonte Breivik vor dem Osloer Gericht.

Er habe es nicht geschafft, mehr als eine Bombe zu bauen. Daher habe er eines der Ziele auswählen müssen. Zusätzlich habe er sich für ein Massaker entschieden. "Das attraktivste Ziel wäre die internationale Journalisten-Konferenz Skup gewesen." Seinen Anschlag hier habe er aus Zeitgründen 2011 aber nicht realisieren können. Das Ferienlager der sozialdemokratischen Jugend auf Utöya sei das nächstbeste Ziel gewesen. "Das Ziel war nicht, 69 Menschen zu töten, das Ziel war, alle zu töten", sagte er. Utöya sei ein politisches Ziel gewesen. Zum Zeitpunkt des Attentates waren rund 560 Menschen auf der Insel.

"Wollte die Jugendlichen in Angst versetzen"

Hauptziel sei eigentlich die einstige sozialdemokratische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland gewesen - er habe sie vor laufender Kamera enthaupten wollen, sagte Breivik. Sie sei das "attraktivste" Ziel gewesen, war aber schon abgereist, als Breivik die Insel erreichte.

Als nächstes habe er den Anführer der sozialdemokratischen Jugend, Eskil Pedersen, im Visier gehabt. Den Rest der Jugendlichen habe er in Angst versetzen und mit der Waffe ins Wasser treiben wollen. "Ich habe damit gerechnet, dass sie im Wasser ertrinken." Sein gesamtes Massaker habe er filmen wollen, sei damit aber gescheitert, weil er kein entsprechend ausgestattetes Telefon kaufen konnte.

"Überlebenswahrscheinlichkeit unter 5 Prozent"

Er habe damit gerechnet, den Bombenanschlag in Oslo nicht zu überleben, sagte der geständige Massenmörder. "Ich habe die Wahrscheinlichkeit, (den Angriff auf) das Regierungsviertel zu überleben, auf unter fünf Prozent geschätzt." Er habe die Situation daher simuliert und geübt, wieder herauszukommen, unter anderem mit dem Computerspiel "Call of Duty: Modern Warfare". Er sei außerdem mehrmals beim Schießtraining eines Vereins gewesen.

Seinen Waffen gab Breivik Namen aus der nordischen Mythologie gegeben: "Das (halb-automatische) Gewehr hieß Gungnir, wie der magische Speer des Gottes Odin, der nach jedem Wurf zurückkehrt, während ich die Glock (halbautomatische Pistole) Mjölnir nannte, nach dem Hammer von Thor, dem Gott des Krieges.

Der Prozess

Breivik muss sich vor Gericht für die Ermordung von insgesamt 77 Menschen im Osloer Regierungsviertel und auf der Insel Utöya verantworten. Er ist wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes angeklagt. Entscheidende Frage im Prozess ist, ob der 33-Jährige zurechnungsfähig ist.

"Manifest nur Entwurf"

Zu seinem 1500-Seiten langen "Manifest" sagte Breivik, es handle sich nur um einen Entwurf. Auf die Frage von Staatsanwältin Inga Bejer Engh, ob er allem zustimme, was in dem Kompendium stehe, antwortete Breivik mit "Nein". "Sie haben 77 Menschen getötet, ohne ganz sicher über das zu sein, was im Manifest stand?", fragte Engh. Breivik betonte, er stimme dem allermeisten zu.

Er habe beim Schreiben aber Rücksicht auf andere nehmen müssen. Das Manifest repräsentiere daher nicht seine Meinung, sondern die von vielen Europäern, sagte Breivik. Er hatte zuvor behauptet, von einem Netzwerk militanter Nationalisten mit dem Schreiben des Dokuments beauftragt worden zu sein. Nur Stunden vor den Terroranschlägen hatte der Massenmörder das Manifest mit dem Namen "2083 - Eine europäische Freiheitserklärung" per E-Mail an rund 1000 Adressaten versandt.

16 Stunden täglich "World of Warcraft"

Breivik sagte außerdem aus, er habe sich vor den Anschlägen ein ganzes Jahr freigenommen, um das Computerspiel "World of Warcraft" zu spielen. Er habe im Schnitt 16 Stunden am Tag vor dem Computer gesessen. "Das war aber reine Unterhaltung, ein Hobby, und hatte nichts mit dem 22. Juli zu tun", betonte er.

Auf das Computerspiel-Hobby habe seine Umgebung mit Entsetzen und Schock reagiert. "Ich konnte ihnen ja nicht sagen, dass ich ein freies Jahr nehme, weil ich mich fünf Jahre später in die Luft sprengen wollte." Zuvor sei er immer recht sozial gewesen, betonte Breivik.

Plastikflasche und biegsamer Kugelschreiber

Während des Prozesses sind strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Jeden Tag nehme der Gefangenentransport einen anderen Weg zum Gericht, schreibt die Zeitung "VG" auf ihrer Internetseite. Im Keller müsse Breivik in einer Wartezelle bis zum Prozessbeginn ausharren. Bis er im Gerichtssaal ist, trägt Breivik Handschellen, die an einem breiten Ledergürtel um seine Taille befestigt sind. Der 33 Jahre alte Massenmörder darf dann ohne Handschellen im Gerichtssaal sitzen. Vor sich hat Breivik eine Wasserkaraffe aus Plastik. Ein biegsamer Spezial-Kugelschreiber soll dafür sorgen, dass Breivik vor Gericht weder sich selbst noch andere verletzen kann.

 

(Ag.)